Was ist eine Erb Plexus Läsion?
Eine Erb Plexus Läsion (Erb-Lähmung) ist eine Schädigung der oberen Wurzeln (C5-C6) des Plexus brachialis, die zu Schwäche oder Lähmung der Schulter-, Ellenbogen- und teilweise der Unterarmmuskulatur führt.
Definition und Anatomie
Die Erb-Lähmung betrifft spezifisch die oberen Nervenwurzeln des Plexus brachialis, der aus den Spinalsegmenten C5 bis T1 entspringt 1. Bei der klassischen Erb-Läsion sind die Wurzeln C5 und C6 betroffen, was zu einem charakteristischen klinischen Bild führt.
Ätiologie und Entstehungsmechanismen
Geburtstraumatische Ursachen (Obstetric Brachial Plexus Injury - OBPI)
Die häufigste Form ist die geburtstraumatische Erb-Lähmung, die bei 0,15-0,28 pro 1000 Lebendgeburten auftritt 2. Die Inzidenz zeigt einen signifikanten Rückgang von 47,57% zwischen 2005 und 2018, parallel zu steigenden Kaiserschnittraten 2.
Hauptrisikofaktoren sind:
- Makrosomie (Kind zu groß für Gestationsalter) - häufigster Risikofaktor mit 13,83% 2
- Schulterdystokie während der Geburt 3
- Instrumentelle Entbindung (Vakuum, Forceps) 3
- Mütterliche Faktoren: höheres Alter, Übergewicht, Diabetes, höhere Parität 3
Die Erb-Lähmung macht 66,6-90% aller geburtstraumatischen Plexusläsionen aus 4, 2.
Traumatische Ursachen bei Erwachsenen
Bei Erwachsenen entsteht die Erb-Läsion durch 1:
- Stumpfe Gewalteinwirkung (Sturz, Motorradunfall, Sportverletzung)
- Penetrierende Verletzungen (Schusswunden)
- Traktionsverletzungen durch extreme Bewegungen
Klinische Präsentation
Das klassische Duchenne-Erb-Syndrom ist die häufigste Manifestation 5 und zeigt:
- Schwäche der Schulterabduktion und -flexion
- Eingeschränkte Ellenbogenflexion
- Verminderte Unterarmsupination
- Charakteristische "Kellnertrinkgeld-Position" (Arm hängt innenrotiert am Körper)
Differentialdiagnose
Wichtige Differentialdiagnosen umfassen 5:
- Klavikula- oder Humerusfrakturen
- Posteriore Schulterluxation
- Schmerzbedingter Bewegungsverlust
- Läsionen außerhalb des Plexus brachialis
- Nicht-geburtstraumatische Plexusläsionen
Diagnostisches Vorgehen
Bildgebung
MRT des Plexus brachialis ist die bildgebende Methode der Wahl 1. Die Bildgebung sollte idealerweise etwa 1 Monat nach dem Trauma erfolgen, da es 3-4 Wochen dauert, bis sich Pseudomeningozelen entwickeln und Blutungen sowie Weichteilödeme abklingen 1.
MRT ermöglicht:
- Unterscheidung zwischen prägangliären (intraspinale Nervenwurzeln) und postgangliären Läsionen 1
- Nachweis von Nervenwurzelavulsionen (diagnostische Genauigkeit 79%) 1
- Beurteilung der Nervenintegrität versus komplette Ruptur 1
- Detektion von Pseudomeningozelen (68% Genauigkeit für Wurzelavulsion) 1
Die CT-Myelographie kann prägangliäre Wurzelavulsionen darstellen, visualisiert aber nicht den postgangliären Plexus 1.
Elektrophysiologische Untersuchung
Die Elektromyographie sollte 2-3 Wochen nach der Verletzung durchgeführt werden, wenn Denervationszeichen bei moderaten bis schweren Verletzungen sichtbar werden 4. Sie ist nützlich für:
- Diagnosestellung
- Beurteilung der Erholungsprognose
- Verlaufskontrolle
Prognose
Die spontane Erholungsrate liegt bei 66-92% 6. Die Prognose hängt ab von:
- Schweregrad der Verletzung (Dehnung versus komplette Ruptur)
- Lokalisation (prägangliär versus postgangliär)
- Zeitpunkt der Intervention
Komplette Nervrupturen haben eine schlechtere Prognose und erfordern häufig frühe operative Intervention 1.
Therapieansätze
Konservative Behandlung
Initial erfolgt bei allen Läsionen konservative Therapie mit passiver Bewegungstherapie und Beobachtung 6. Die Hauptziele sind:
- Prävention und Korrektur von Kontrakturen
- Physiotherapie und Ergotherapie
- Serielle Schienung/Gipsbehandlung
- Förderung der normalen Entwicklung bei Kindern
Kinesiotaping über Deltoideus und Unterarm kann als Adjuvans zur Prophylaxe eines Erb-Engrams eingesetzt werden 7.
Chirurgische Intervention
Chirurgische Exploration ist indiziert bei:
- Kompletter Nervruptur (erfordert frühe operative Versorgung) 1
- Nervenwurzelavulsion 1
- Fehlender funktioneller Erholung trotz konservativer Therapie
Die chirurgischen Raten in Deutschland stiegen von 1,86% auf 41,11% zwischen 2005 und 2018, mit zunehmendem Trend zu mikrochirurgischen Explorationen und Neurolysen 2.
Rekonstruktive Optionen bei chronischer Erb-Lähmung umfassen 8:
- Freie Muskeltransfers
- Gestielte Muskeltransfers (z.B. bipolarer Pectoralis-major-Transfer für Ellenbogenflexion)
- Sehnentransfers
- Nerventransplantate und Neurolyseverfahren
Zeitfenster für Intervention
Bei penetrierenden und offenen Verletzungen erfolgt häufig frühe chirurgische Exploration, während stumpfe und geschlossene Verletzungen zunächst konservativ oder später chirurgisch behandelt werden, abhängig von Lokalisation und Schweregrad 1.
Wichtige klinische Fallstricke
- Unterschätzung des fetalen Gewichts führt zu erhöhtem OBPI-Risiko 3
- Zu frühe Bildgebung (vor 1 Monat) kann durch Blutungen und Ödeme die Beurteilung erschweren 1
- Übersehen von Begleitverletzungen wie Klavikulafrakturen oder Schulterluxationen 5
- Entwicklung von Kontrakturen (Innenrotation der Schulter, Flexions-/Pronationskontrakturen) bei unzureichender Physiotherapie 5