Propofol-Diffusion ins Fettgewebe bei adipösen Patienten
Bei adipösen Patienten verteilt sich Propofol trotz seiner Lipophilie nicht proportional zum Gesamtkörpergewicht ins Fettgewebe, da Fettgewebe eine relativ geringe Durchblutung aufweist – daher sollte die Dosierung über Perfusor primär auf Lean Body Weight (LBW) oder Adjusted Body Weight (ABW) basieren, nicht auf Total Body Weight (TBW). 1
Pharmakokinetische Grundlagen der Verteilung
Die Verteilung von Propofol bei Adipositas folgt nicht den intuitiven Erwartungen:
- Fettgewebe hat geringe Durchblutung: Obwohl Propofol hochgradig lipophil ist, limitiert die niedrige Perfusion des Fettgewebes die tatsächliche Akkumulation 1
- Initiales Verteilungsvolumen (V1) bleibt unverändert: Das zentrale Verteilungsvolumen korreliert mit Lean Body Weight, nicht mit TBW 2, 3
- Clearance steigt mit Körpergewicht: Die Gesamtkörper-Clearance korreliert mit TBW (25,4 ± 6,5 ml/kg/min), aber mit allometrischer Skalierung (Exponent 0,75) 4, 3
Empfohlene Dosierungsstrategien
Für Perfusor-Infusionen (Maintenance):
Verwenden Sie Lean Body Weight (LBW) oder Adjusted Body Weight (ABW) als Berechnungsgrundlage 1:
LBW-Berechnung (Janmahasatian-Formel):
- Männer: LBW = [9270 × TBW] / [6680 + (216 × BMI)]
- Frauen: LBW = [9270 × TBW] / [8780 + (244 × BMI)]
- LBW überschreitet selten 100 kg (Männer) bzw. 70 kg (Frauen) 1
ABW-Berechnung: ABW = IBW + 0,4 × (TBW - IBW) 1
Spezifische Infusionsraten:
- Induktion: 2 mg/kg basierend auf ABW über 2 Minuten 2
- Maintenance: 5-50 µg/kg/min (0,3-3 mg/kg/h) basierend auf LBW/ABW 1, 5
- Bei TBW-Dosierung: Signifikant erhöhtes Hypotonie-Risiko ohne klinischen Vorteil 1
Kritische Fallstricke bei TCI-Systemen
Target-Controlled Infusion (TCI) Pumpen haben technische Limitationen bei Adipositas 1:
- Marsh-Modell: Nicht validiert >140-150 kg TBW
- Schnider-Modell: Nicht validiert bei BMI >35 kg/m² (Frauen) oder >42 kg/m² (Männer)
- Eleveld-Modell mit TBW: Zeigt beste Performance, aber tendiert zur Unterschätzung der Konzentrationen 6
- Modifizierte Schnider/Marsh mit ABW: Erreichen niedrigste Vorhersagefehler (MDPE <10%, MDAPE <25%) 6
Obligate Sicherheitsmaßnahmen bei TCI:
Bei Verwendung von TCI mit Muskelrelaxanzien ist Anästhesietiefe-Monitoring (BIS/Entropie) dringend empfohlen 1, da:
- NAP5-Audit zeigte überproportional viele Awareness-Fälle bei adipösen Patienten 1
- 93% dieser Fälle involvierten Muskelrelaxanzien 1
- Schnellere Redistribution ins vergrößerte Fettkompartiment verkürzt Wirkdauer nach Bolus 1
Klinisch relevante Redistribution
Die schnellere Redistribution bei Adipositas hat paradoxe Effekte:
- Nach Bolus-Gabe: Patienten erwachen schneller als Normalgewichtige trotz größerer Fettmasse 1
- Nach Langzeitinfusion (>10 Tage): Akkumulation in Fettgewebe verzögert Aufwachen 5
- Praktische Konsequenz: Nach LBW/ABW-dosiertem Induktionsbolus muss Maintenance-Anästhesie unverzüglich folgen, um Awareness zu vermeiden 1
Hämodynamische Überlegungen
TBW-basierte Dosierung führt zu relativer Überdosierung mit erhöhtem Hypotonie-Risiko 1:
- Besonders gefährdet: Patienten mit eingeschränkter Myokardfunktion, Hypovolämie oder Sepsis 5
- Bei älteren/ASA III-IV Patienten: Dosisreduktion auf ~80% der Standarddosis erforderlich 5
- Langsame Titration über 3-5 Minuten minimiert kardiorespiratorische Depression 5
Praktischer Algorithmus
- Berechnen Sie präoperativ LBW und ABW und dokumentieren Sie diese 1
- Induktion: 2 mg/kg ABW über 2 Minuten 2
- Sofortiger Übergang zur Maintenance-Anästhesie (kein Delay!) 1
- Maintenance: 5-50 µg/kg/min basierend auf LBW, titriert nach Wirkung 1, 5
- Bei TCI-Nutzung: Verwenden Sie ABW statt TBW für Schnider/Marsh-Modelle 6
- Obligat: BIS/Entropie-Monitoring bei TCI + Muskelrelaxanzien 1
- Langzeitinfusion: Tägliche Dosisreduktion erwägen, um Akkumulation zu vermeiden 5
Die Evidenz zeigt eindeutig, dass trotz der Lipophilie von Propofol eine Dosierung nach Gesamtkörpergewicht bei adipösen Patienten nicht gerechtfertigt ist und zu vermeidbaren Komplikationen führt.