Nein, Aspirin (ASS) sollte bei hämorrhagischem Schock NICHT gegeben werden
Bei aktivem hämorrhagischem Schock ist Aspirin absolut kontraindiziert, da es die Thrombozytenfunktion irreversibel hemmt und die Blutung verschlimmert. 1, 2, 3
Warum Aspirin vermieden werden muss
Mechanismus der Schädigung
- Irreversible Thrombozytenhemmung: Aspirin blockiert die Cyclooxygenase dauerhaft für die gesamte Lebensdauer der Thrombozyten (ca. 10 Tage) 1
- Verstärkte Blutungsneigung: Die antithrombozytäre Wirkung erhöht das Blutungsrisiko 3- bis 6-fach, besonders bei gleichzeitiger Gerinnungsstörung 2
- Gastrointestinale Vulnerabilität: Die ischämische Magenschleimhaut während des hämorrhagischen Schocks ist besonders anfällig für Aspirin-induzierte Läsionen 4
FDA-Warnung
Die FDA-Kennzeichnung warnt explizit: "Stomach bleeding warning: This product contains an NSAID, which may cause severe stomach bleeding. The chance is higher if you take a blood thinning (Anticoagulant)" 3
Management bei Patienten unter Aspirin-Therapie
Bei schwerem hämorrhagischem Schock
Wenn der Patient bereits Aspirin einnimmt und einen hämorrhagischen Schock entwickelt:
- Aspirin sofort absetzen 1
- Thrombozytentransfusion erwägen bei persistierender Blutung nach Versagen ätiologischer und symptomatischer Behandlung 1, 5
- Die Aspirin-Wirkung kann durch Thrombozytentransfusion teilweise aufgehoben werden 1
Spezifische Situationen
Intrakranielle Blutung:
- Bei neurochirurgischem Notfall: präoperative Neutralisierung der Thrombozytenhemmung vorgeschlagen 5
- Bei Aspirin-Monotherapie ohne OP-Indikation und Glasgow Coma Score ≥8: keine Thrombozytentransfusion empfohlen 5
Duale Thrombozytenaggregationshemmung:
- Bei hämorrhagischem Schock wird Neutralisierung vorgeschlagen 5
- P2Y12-Antagonisten (z.B. Clopidogrel) werden nur teilweise durch Thrombozyten aufgehoben 1
Häufige Fallstricke
Verwechslung mit ACS-Protokollen: Die Leitlinien für akutes Koronarsyndrom empfehlen Aspirin 6, 7, aber diese gelten NICHT für hämorrhagischen Schock mit aktiver Blutung
"Aktive gastrointestinale Blutung" ist absolute Kontraindikation: Alle ACS-Leitlinien schließen Patienten mit aktiver GI-Blutung explizit aus 6, 7
Unterscheidung zwischen Blutungsrisiko und aktiver Blutung:
- Erhöhtes Blutungsrisiko = relative Kontraindikation
- Aktiver hämorrhagischer Schock = absolute Kontraindikation
Korrekte Schocktherapie
Stattdessen fokussieren auf:
- Blutstillung (chirurgisch, radiologisch, endoskopisch) 8
- Volumenersatz mit FFP zur Vermeidung dilutiver Koagulopathie 1
- Korrektur von Hypothermie, Azidose und Koagulopathie 8
- Permissive Hypotension (systolischer Blutdruck ~90 mmHg) bis zur Blutstillung 8
- Fibrinogen-Zielwert >1,5 g/L 1
- Thrombozyten-Zielwert >75 × 10⁹/L 1
Die historischen experimentellen Studien aus den 1970er Jahren 9, 10, die Aspirin bei hämorrhagischem Schock untersuchten, sind durch moderne Leitlinien und klinische Praxis überholt und sollten nicht angewendet werden.