Empfehlungen für Patienten mit HMSN Typ 1 (CMT1)
Die Behandlung von HMSN Typ 1 (CMT1) basiert auf einem multidisziplinären supportiven Ansatz mit Orthesen, Physiotherapie und symptomatischer Schmerztherapie, da derzeit keine zugelassenen krankheitsmodifizierenden Therapien verfügbar sind 1, 2.
Diagnostische Bestätigung und genetische Beratung
Zunächst sollte die Diagnose durch Elektrophysiologie (EMG/NCS) bestätigt werden, die eine primär demyelinisierende Neuropathie zeigt. Bei CMT1A (der häufigsten Form mit 70% der CMT1-Fälle) liegt eine PMP22-Genduplikation vor 3. Die genetische Testung hat eine Spezifität von 100% und hohe Sensitivität für etablierte pathogene Mutationen 3. Nach Diagnosestellung ist genetische Beratung für Familienplanung essentiell.
Orthopädische Versorgung (Erste Priorität)
- Knöchel-Fuß-Orthesen (AFO) sind die wichtigste therapeutische Maßnahme und sollten individuell angepasst werden basierend auf dem Grad der Fußheberschwäche und Fußdeformitäten 2
- Die Wahl der Orthese und der Zeitpunkt der Anpassung hängen vom individuellen Zustand ab
- Adaptive Hilfsmittel (z.B. Knopfhaken, Schuhlöffel mit langem Griff, elastische Schnürsenkel) für Handdeformitäten und Schwäche 2
Physiotherapie und Bewegungstherapie
Moderate bis intensive Krafttraining und aerobes Training werden gut toleriert 2. Die Evidenz zeigt:
- Krafttraining und aerobe Übungen sind sicher und können hilfreich sein
- Muskeldehnungsübungen und propriozeptive Kinesiotherapie können bei ausgewählten Patienten Sehnenretraktionen, Muskelverspannungen und Kraftverlust vorbeugen sowie das Gleichgewicht verbessern 2
- Regelmäßige Bewegung sollte gefördert werden, um Funktionalität zu erhalten
Schmerztherapie
Bei neuropathischen Schmerzen (die bei CMT-Patienten vorkommen können):
Erstlinientherapie:
- Trizyklische Antidepressiva (TCA): Nortriptylin oder Desipramin bevorzugt (sekundäre Amine mit weniger anticholinergen Nebenwirkungen) 4
- Alternativ: Duloxetin oder Venlafaxin (SSNRI) 4
- Oder: Gabapentin oder Pregabalin (Kalziumkanal-α2δ-Liganden) 4
- Bei lokalisierter peripherer Neuropathie: Topisches Lidocain 4
Wichtige Vorsichtsmaßnahmen bei TCA:
- EKG-Screening bei Patienten >40 Jahre
- Dosierung <100 mg/Tag bei kardialen Vorerkrankungen
- 6-8 Wochen für adäquaten Therapieversuch erforderlich 4
Überwachung auf Komplikationen
Wichtiger Fallstrick: Eine akute Verschlechterung (besonders motorisch) innerhalb von Wochen bis Monaten ist ein "Red Flag" für einen superimponierten inflammatorischen/dysimmunen Prozess 2. In diesem Fall:
- Erwägen Sie immunsuppressive/immunmodulatorische Behandlung (Steroide, intravenöse Immunglobuline oder Plasmaaustausch)
- Steroid-sensitive HMSN-Fälle wurden bereits vor der genetischen Diagnostik beschrieben 2
Achten Sie auf superimponierte Kompressionsneuropathien wie Karpaltunnelsyndrom, die bei CMT1A-Patienten auftreten können und neue fokale Symptome verursachen 5. Diese erfordern spezifische Behandlung (z.B. Kortikosteroid-Injektionen oder chirurgische Dekompression).
Experimentelle Therapien (Derzeit nicht empfohlen)
- Ascorbinsäure (Vitamin C): Drei große Studien bei CMT1A-Patienten zeigten insgesamt negative Ergebnisse - derzeit nicht empfohlen 2
- PXT3003: Zeigt Phase-III-Wirksamkeit und könnte das erste zugelassene CMT1A-Medikament werden, ist aber noch nicht verfügbar 6
- Gentherapien befinden sich in präklinischen Stadien (nur CMT2S hat klinische Studien erreicht) 7
Langzeitbetreuung
Die optimale Versorgung erfordert ein multidisziplinäres Team 1:
- Neurologe (Koordination)
- Physiotherapeut und Ergotherapeut
- Physiatrist
- Orthopädietechniker
- Orthopädischer Chirurg (bei schweren Deformitäten)
- Psychologische Unterstützung bei Bedarf
Regelmäßige Verlaufskontrollen sind essentiell, um Funktionsverlust zu überwachen und Interventionen rechtzeitig anzupassen 1.