Nein, Gefühlsstörungen in Axilla und Schulter sind bei einem Patienten mit Halswirbelsäulen-OP vor 5 Jahren höchstwahrscheinlich NICHT durch eine Interkostalneuralgie verursacht.
Anatomische und neurologische Begründung
Die Symptomlokalisation passt nicht zur Interkostalneuralgie. Interkostalneuralgie verursacht typischerweise Schmerzen und Sensibilitätsstörungen entlang der Brustwand, den Rippen und der oberen Bauchwand 1, 2, 3. Die Interkostalnerven innervieren nicht die Axilla oder Schulter – diese Regionen werden primär vom Plexus brachialis (C5-T1 Nervenwurzeln) versorgt.
Wahrscheinlichere Differentialdiagnosen
Bei diesem Patienten mit Z.n. zervikaler Wirbelsäulenchirurgie vor 5 Jahren sollten Sie folgende Ursachen prioritär abklären:
1. Anschlusssegmentdegeneration (Adjacent Level Disease)
- MRT der HWS ohne Kontrastmittel ist die Bildgebung der Wahl 4
- Erkennt neue Bandscheibenvorfälle und Nervenkompression an benachbarten Segmenten
- Tritt häufig nach anteriorer zervikaler Fusion auf 4
2. Postoperative Nervenschädigung
Spezifische Muster nach HWS-Chirurgie 5:
C5-Nervenwurzelparese: Häufigste postoperative Nervenschädigung, verursacht Deltoideus-/Bizepsschwäche und Sensibilitätsstörungen in der lateralen Schulter
Parsonage-Turner-Syndrom (PTS): Idiopathische Plexopathie, die postoperativ auftreten kann 5, 6
- Präsentiert sich mit schweren neuropathischen Schmerzen in Schulter, Nacken und Armen
- Gefolgt von neurologischen Defiziten des oberen Plexus brachialis
- Defizite treten typischerweise verzögert nach Schmerzbeginn auf
- Wichtig: EMG/NLG können initial unauffällig sein 6
C8-T1-Nervenwurzelparese: Verursacht Schwäche der intrinsischen Handmuskeln und Sensibilitätsstörungen im ulnaren Versorgungsgebiet (ulnare zwei Finger) 5
3. Zervikale Radikulopathie (neue oder rezidivierende)
- Sensomotorische Dysfunktion war bei >60% der Patienten mit zervikaler Radikulopathie vorhanden 7
- Sensorische Erholung trat bei 88,5% der operierten Patienten auf 7
Diagnostisches Vorgehen
Schritt 1: Neurologische Untersuchung
- Prüfen Sie spezifische Dermatome (C5: laterale Schulter; C6: Daumen/Zeigefinger; C7: Mittelfinger; C8: Ringfinger/Kleinfinger; T1: mediale Unterarmseite)
- Motorische Testung: Deltoideus (C5), Bizeps (C5-C6), Trizeps (C7), intrinsische Handmuskeln (C8-T1)
- Reflexe: Bizepssehnenreflex (C5-C6), Trizepssehnenreflex (C7)
Schritt 2: Bildgebung
- MRT HWS ohne Kontrastmittel als primäre Bildgebung 4
- Bei ausgeprägten Metallartefakten: CT-Myelographie als Alternative 4
Schritt 3: Elektrophysiologie
- EMG/NLG zur Differenzierung zwischen Radikulopathie, Plexopathie und peripherer Nervenschädigung
- Cave: Bei Parsonage-Turner-Syndrom können Befunde initial normal sein 6
Wichtige Fallstricke
- Verwechseln Sie nicht Interkostalneuralgie mit zervikaler Pathologie: Die anatomische Verteilung ist entscheidend
- Parsonage-Turner-Syndrom wird oft übersehen: Denken Sie daran bei akutem postoperativem Schulterschmerz mit verzögert auftretender Schwäche 5, 6
- Metallartefakte können MRT-Befunde limitieren: Bei unklaren MRT-Befunden CT-Myelographie erwägen 4
- T1-Nervenwurzelkompression kann Horner-Syndrom verursachen: Achten Sie auf Miosis, Ptosis und Anhidrose 5