Ja, bei Zufallsbefund einer Atheromatose der Arteria vertebralis sollte ASS empfohlen werden
Bei Patienten mit Atherosklerose der Arteria vertebralis wird eine Thrombozytenaggregationshemmung mit Aspirin (75-325 mg täglich) zur Prävention von Myokardinfarkt und anderen ischämischen Ereignissen empfohlen, sofern keine Kontraindikationen bestehen 1.
Evidenzbasierte Empfehlung
Die ACC/AHA/ASA-Leitlinien von 2011 geben eine Klasse-I-Empfehlung (Level of Evidence B) für die Thrombozytenaggregationshemmung bei Patienten mit vertebraler Atherosklerose. Dies bedeutet, dass der Nutzen eindeutig die Risiken überwiegt 1.
Konkrete Therapieempfehlungen:
Medikamentöse Therapie:
- ASS 75-325 mg täglich (in Deutschland typischerweise 100 mg) 1
- Hochdosierte Statintherapie zur Lipidsenkung 1
- Blutdruckkontrolle mit Zielwert generell <130/80 mmHg 2
- Lebensstilmodifikation gemäß Standards für extrakranielle Karotisatherosklerose 1
Wichtige Unterscheidung - Asymptomatisch vs. Symptomatisch:
Bei asymptomatischen Patienten (Zufallsbefund):
- ASS 75-325 mg täglich zur Primärprävention von MI und ischämischen Ereignissen 1
- Die neueren Primärpräventionsleitlinien von 2019 empfehlen ASS allerdings nur noch selten in der Routineprimärprävention aufgrund fehlendem Nettonutzen 2
- Jedoch: Bei nachgewiesener Atherosklerose (auch vertebral) liegt bereits manifeste Gefäßerkrankung vor, was die ASS-Gabe rechtfertigt
Bei symptomatischen Patienten (nach TIA/Schlaganfall):
- ASS 81-325 mg täglich, ODER
- ASS plus Dipyridamol retard (25/200 mg 2x täglich), ODER
- Clopidogrel 75 mg täglich
- Die Wahl sollte individualisiert werden basierend auf Risikoprofil, Kosten und Verträglichkeit 1
Klinische Überlegungen
Blutungsrisiko beachten: Die ASS-Therapie erhöht das Risiko für schwere Blutungen (RR 1,54; 95% CI 1,30-1,82) 3. Besonders vorsichtig bei:
- Alter ≥60 Jahre
- Anamnese von Magenulzera oder gastrointestinalen Blutungen
- Gleichzeitige Antikoagulation
- ≥3 alkoholische Getränke täglich 4
Statintherapie ist essentiell: Neuere Evidenz zeigt, dass Statine vertebrale atherosklerotische Plaques reduzieren können 5. Die Kombination aus ASS und hochdosierter Statintherapie ist synergistisch wirksam 6, 7.
Keine Revaskularisation bei asymptomatischen Patienten: Asymptomatische Patienten mit vertebraler Stenose sollten nicht revaskularisiert werden, selbst bei hämodynamisch relevanten Befunden (Klasse III: No Benefit) 1.
Praktisches Vorgehen
- ASS 100 mg täglich beginnen (deutsche Standarddosis)
- Atorvastatin 40-80 mg oder äquivalente hochdosierte Statintherapie
- Blutdruckoptimierung auf <130/80 mmHg
- Risikofaktoren kontrollieren: Diabetes, Rauchen, Adipositas
- Protonenpumpenhemmer erwägen bei erhöhtem GI-Blutungsrisiko
- Verlaufsbildgebung nur bei symptomatischen Patienten sinnvoll 1
Die medikamentöse Therapie nach Standards der Karotisatherosklerose ist bei vertebraler Atherosklerose gleichwertig indiziert und reduziert sowohl zerebrale als auch kardiale Ereignisse 1, 8.