AV-Dissoziation im EKG
AV-Dissoziation ist ein elektrokardiographisches Phänomen, bei dem Vorhöfe und Ventrikel unabhängig voneinander aktiviert werden und kein Zusammenhang zwischen P-Wellen und QRS-Komplexen besteht.
Definition und Mechanismus
Die AV-Dissoziation ist keine eigenständige Diagnose, sondern ein elektrokardiographisches Syndrom, das bei verschiedenen Herzrhythmusstörungen auftreten kann. Sie ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
- Unabhängige elektrische Aktivität der Vorhöfe und Ventrikel
- Fehlende Koordination zwischen P-Wellen und QRS-Komplexen
- Variabilität im Abstand zwischen P-Wellen und QRS-Komplexen
Klassifikation
Die AV-Dissoziation kann in verschiedene Typen eingeteilt werden 1:
AV-Dissoziation durch Default (Ausfall):
- Entsteht durch Verlangsamung des dominanten atrialen Schrittmachers
- Ein unabhängiger ventrikulärer Schrittmacher übernimmt die Kontrolle
AV-Dissoziation durch Usurpation (Übernahme):
- Beschleunigung eines latenten Schrittmachers
- Überschreitet die intrinsische atriale Frequenz und übernimmt die Kontrolle
AV-Dissoziation bei komplettem AV-Block (drittgradiger AV-Block):
- Vollständige Blockade der Überleitung zwischen Vorhöfen und Ventrikeln
- Vorhöfe und Ventrikel schlagen völlig unabhängig voneinander
Ursachen
Die AV-Dissoziation ist meist ein sekundäres Phänomen und kann bei folgenden Zuständen auftreten 2:
- Ventrikuläre Tachykardie (VT): Häufigste Ursache einer AV-Dissoziation
- Junktionale Rhythmen: Beschleunigte junktionale Rhythmen oder junktionale Tachykardien
- AV-Block dritten Grades: Kompletter AV-Block mit unabhängigen Ersatzrhythmen
- Isorhythmische Dissoziation: Wenn Vorhof- und Kammerfrequenz ähnlich sind, aber unabhängig voneinander
Diagnostische Kriterien im EKG
Folgende EKG-Merkmale weisen auf eine AV-Dissoziation hin 3, 4:
- P-Wellen und QRS-Komplexe ohne konstante Beziehung zueinander
- Fusionskomplexe (Verschmelzung von Sinusimpulsen mit ventrikulären Depolarisationen)
- Variabilität in der QRS-Amplitude (>30% bei AV-Dissoziation vs. <7% bei 1:1-Überleitung) 5
- Unregelmäßige Cannon-A-Wellen im Jugularvenenpuls
- Variabilität in der Lautstärke des ersten Herztons und im systolischen Blutdruck
Klinische Bedeutung
Die klinische Bedeutung der AV-Dissoziation hängt von der zugrundeliegenden Ursache ab 2:
- Bei ventrikulärer Tachykardie: Lebensbedrohlicher Zustand, der sofortige Intervention erfordert
- Bei junkionalem Rhythmus: Kann benigne sein, besonders wenn vorübergehend
- Bei komplettem AV-Block: Kann Symptome wie Synkopen, Schwindel oder Herzinsuffizienz verursachen
Diagnostisches Vorgehen
Bei Verdacht auf AV-Dissoziation im EKG:
- 12-Kanal-EKG aufzeichnen und auf Fusionskomplexe und unabhängige P-Wellen achten
- Bei breitem QRS-Komplex und AV-Dissoziation: Ventrikuläre Tachykardie vermuten 6
- Bei unklarer Diagnose: Als ventrikuläre Tachykardie behandeln, besonders vor Gabe von Kalziumkanalblockern 3
- Bei schwer erkennbaren P-Wellen: Ösophagusableitung oder längere EKG-Aufzeichnung erwägen
Abgrenzung zu anderen Rhythmusstörungen
Ventrikuläre vs. supraventrikuläre Tachykardie mit Schenkelblock:
Junktionale Tachykardie vs. VT:
- Junktionale Tachykardie kann mit AV-Dissoziation einhergehen, hat aber typischerweise schmale QRS-Komplexe 3
Zusammenfassung
Die AV-Dissoziation ist ein wichtiges diagnostisches Zeichen im EKG, das auf eine unabhängige Aktivierung von Vorhöfen und Ventrikeln hinweist. Sie ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Hinweis auf eine zugrundeliegende Rhythmusstörung, die identifiziert und entsprechend behandelt werden sollte. Die häufigste und klinisch bedeutsamste Ursache ist die ventrikuläre Tachykardie, bei der die AV-Dissoziation ein pathognomonisches Zeichen darstellt.