Übersicht zur Aortenklappeninsuffizienz
Bei Patienten mit schwerer Aortenklappeninsuffizienz ist ein chirurgischer Klappenersatz indiziert bei Symptomen oder bei asymptomatischen Patienten mit linksventrikulärer Dysfunktion (LVEF <50-55%) oder Dilatation (LVESD >50 mm oder >25 mm/m², LVEDD >65 mm). 1, 2
Diagnostik
Echokardiographie
- Primäre Untersuchungsmethode zur Bestätigung der Diagnose und Beurteilung von:
- Ätiologie der Insuffizienz
- Schweregrad der Insuffizienz
- Klappenmorphologie
- Linksventrikuläre Dimensionen und Funktion
- Aortenwurzeldurchmesser 1
Kriterien für schwere Aortenklappeninsuffizienz
- Vena contracta >0,6 cm
- Effektive Regurgitationsöffnungsfläche (EROA) ≥0,3 cm²
- Regurgitationsvolumen ≥60 ml/Schlag
- Holodiastolische Flussumkehr in der Aorta descendens
- Druckabfallzeit <200 ms
- Regurgitationsfraktion ≥50% 1, 2
Weitere diagnostische Verfahren
- Transösophageale Echokardiographie (TEE): Bei suboptimaler transthorakaler Bildqualität
- Kardiale MRT: Zur präzisen Quantifizierung der Regurgitation und Beurteilung der LV-Funktion
- Belastungsechokardiographie: Zur Aufdeckung von Symptomen bei scheinbar asymptomatischen Patienten 1, 2
Management
Überwachung asymptomatischer Patienten
- Schwere Aortenklappeninsuffizienz: Kontrolle alle 6-12 Monate
- Mittelgradige Insuffizienz: Kontrolle alle 1-2 Jahre
- Leichte Insuffizienz: Kontrolle alle 3-5 Jahre 1, 2
- Bei Verschlechterung der LV-Funktion oder Zunahme der LV-Größe: Häufigere Kontrollen (alle 3-6 Monate) 1
Medikamentöse Therapie
- Vasodilatatoren (ACE-Hemmer, Dihydropyridin-Kalziumkanalblocker):
- Bei Hypertonie
- Zur Verzögerung der chirurgischen Intervention bei asymptomatischen Patienten mit normaler LV-Funktion 2
- Beta-Blocker:
- Bei Marfan-Syndrom zur Verlangsamung der Aortendilatation
- Mit Vorsicht bei schwerer AI (Verlängerung der Diastole erhöht das Regurgitationsvolumen)
- Können bei schwerer LV-Dysfunktion eingesetzt werden 1
- Leitliniengerechte Herzinsuffizienztherapie: Bei symptomatischen Patienten mit LV-Dysfunktion 2
Chirurgische Intervention
Indikationen für chirurgische Intervention:
- Symptomatische schwere Aortenklappeninsuffizienz (Dyspnoe, Angina, Synkope) 1, 2
- Asymptomatische schwere Aortenklappeninsuffizienz mit:
- Begleitende Herzoperationen: Bei Patienten mit schwerer AI, die sich einer koronaren Bypass-Operation, einer anderen Klappenoperation oder einer Operation der aufsteigenden Aorta unterziehen 1
Chirurgische Optionen:
- Aortenklappenersatz (mechanisch oder biologisch): Hauptintervention bei schwerer AI
- Klappenerhaltende Operationen: In ausgewählten Fällen möglich
- Transkatheter-Aortenklappenersatz (TAVI): Alternative bei Patienten mit hohem Operationsrisiko 1, 2
Besondere Patientengruppen
Marfan-Syndrom
- Beta-Blocker zur Verlangsamung der Aortendilatation
- Enalapril kann zur Verzögerung der Aortendilatation eingesetzt werden
- Familienscreening erforderlich 1
Bikuspide Aortenklappe
- Häufigste angeborene Ursache für AI
- Führt zu beschleunigter Klappendegenerationen und früherem Auftreten schwerer Erkrankungen
- Screening von Verwandten ersten Grades in Betracht ziehen 1, 2
Akute Aortenklappeninsuffizienz
- Chirurgischer Notfall
- Verursacht schweres Lungenödem und Hypotonie
- Echokardiographie (TTE oder TEE) ist entscheidend für die Bestätigung der Diagnose, des Schweregrades und der Ätiologie 3, 4
Prognose und Komplikationen
- 75% der Patienten mit schwerer AI sterben oder benötigen einen Aortenklappenersatz innerhalb von 10 Jahren nach Diagnose
- Selbst asymptomatische schwere AI hat eine Mortalitätsrate von bis zu 19% innerhalb von 6 Jahren nach Diagnose
- Komplikationen: Progressive LV-Dilatation, LV-Dysfunktion, Herzinsuffizienz, pulmonale Hypertonie und Arrhythmien 2
Die frühzeitige Erkennung und korrekte Beurteilung des Schweregrades der Aortenklappeninsuffizienz sind entscheidend für das optimale Management und die Prognose der Patienten.