Lebendimpfstoffe bei Immunsuppression
Lebendimpfstoffe sind bei Patienten unter Immunsuppression grundsätzlich kontraindiziert und sollten vermieden werden, solange eine immunsuppressive Therapie besteht. 1
Definition der Immunsuppression
Als immunsuppressive Therapie gelten:
- Glukokortikoide ≥20 mg/Tag Prednisolon (oder Äquivalent) für ≥2 Wochen
- Methotrexat ≥0,4 mg/kg/Woche
- Azathioprin ≥3,0 mg/kg/Tag
- 6-Mercaptopurin ≥1,5 mg/kg/Tag
- Biologika (TNF-alpha-Inhibitoren, etc.)
- Tofacitinib und andere JAK-Inhibitoren 1
Zeitliche Abstände für Lebendimpfungen
Vor Beginn einer Immunsuppression:
- Lebendimpfstoffe sollten idealerweise ≥4 Wochen vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie verabreicht werden 1
- Inaktivierte Impfstoffe sollten ≥2 Wochen vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie verabreicht werden 1
Nach Ende einer Immunsuppression:
- Lebendimpfstoffe sollten frühestens 3 Monate nach Beendigung einer immunsuppressiven Therapie verabreicht werden 1
Ausnahmen: Niedrig-dosierte Immunsuppression
Bei niedrig-dosierter Immunsuppression können in bestimmten Fällen nach sorgfältiger Risiko-Nutzen-Abwägung Lebendimpfstoffe erwogen werden:
Als niedrig-dosierte Immunsuppression gilt:
- Prednisolon <20 mg/Tag
- Methotrexat ≤0,4 mg/kg/Woche (oder ≤25 mg/Woche)
- Azathioprin ≤3 mg/kg/Tag
- 6-Mercaptopurin ≤1,5 mg/kg/Tag 1
Besonders für die Herpes-Zoster-Impfung gibt es Evidenz für die sichere Anwendung bei niedrig-dosierter Immunsuppression, wobei die Antikörpertiter etwas niedriger sein können als bei nicht-immunsupprimierten Patienten. 1
Besondere Patientengruppen
HIV-Patienten:
- Lebendimpfstoffe können bei asymptomatischen HIV-Patienten mit CD4-Zellzahl ≥200/mm³ erwogen werden 1, 2
Kinder nach In-utero-Exposition gegenüber Biologika:
- Keine Lebendimpfstoffe für mindestens 6 Monate nach der Geburt 1
Primäre Immundefekte:
- Bei schweren kombinierten Immundefekten (SCID), DiGeorge-Syndrom mit CD3-T-Zellzahl <500/mm³ und anderen schweren kombinierten Immundefekten sind Lebendimpfstoffe absolut kontraindiziert 1
Wichtige Vorsichtsmaßnahmen
- Vor jeder Impfung sollte eine vollständige Impfanamnese erhoben werden 1
- Bei Patienten mit geplanter immunsuppressiver Therapie sollten Impfungen möglichst vor Therapiebeginn aktualisiert werden 1
- Bei Unsicherheit bezüglich des Immunstatus sollte ein Immunologe konsultiert werden 1
- Die Entscheidung für eine Lebendimpfung unter niedrig-dosierter Immunsuppression sollte immer nach sorgfältiger Risiko-Nutzen-Abwägung gemeinsam mit dem Patienten getroffen werden 1
Fazit
Obwohl Lebendimpfstoffe bei immunsupprimierten Patienten grundsätzlich kontraindiziert sind, können sie in bestimmten Situationen (niedrig-dosierte Immunsuppression, asymptomatische HIV-Infektion mit ausreichender CD4-Zellzahl) nach sorgfältiger Risiko-Nutzen-Abwägung erwogen werden. Die Sicherheit von Lebendimpfstoffen bei Immunsuppression kann jedoch nicht abschließend beurteilt werden, weshalb Vorsicht geboten ist 3, 4.