Risikofaktoren für Thrombosen in der Schwangerschaft und Postpartum-Phase
Die wichtigsten Risikofaktoren für Thrombosen während der Schwangerschaft und nach der Entbindung sind eine Vorgeschichte früherer thromboembolischer Ereignisse, Thrombophilien, Alter über 35 Jahre, Adipositas und Kaiserschnitt.
Physiologische Grundlage des erhöhten Thromboserisikos
Während der Schwangerschaft entsteht ein physiologischer Zustand der Hyperkoagulabilität mit:
- Erhöhten Gerinnungsfaktoren (Fibrinogen, Faktor VII, VIII, X, von-Willebrand-Faktor)
- Vermindertem freien Protein S
- Erworbener Resistenz gegen aktiviertes Protein C
- Beeinträchtigter Fibrinolyse durch erhöhte PAI-1-Spiegel
- Anatomischer Kompression der Vena cava inferior und der Beckenvenen 1, 2
Das Risiko für venöse Thromboembolien (VTE) ist während der Schwangerschaft 4- bis 6-fach erhöht, wobei das höchste Risiko in der postpartalen Phase besteht 1, 3.
Patientenspezifische Risikofaktoren
Vorbestehende Risikofaktoren:
- Vorgeschichte einer früheren Thrombose (wichtigster Risikofaktor, 3,5- bis 4-fach erhöhtes Risiko) 4, 5
- Alter > 35 Jahre (zunehmender Risikofaktor) 1, 3
- BMI ≥ 30 kg/m² (Odds Ratio 2,63) 1, 2
- Thrombophilien:
- Kardiovaskuläre Risikofaktoren:
- Rauchen (>10 Zigaretten/Tag)
- Hypertonie
- Diabetes mellitus 1
- Familiäre Vorbelastung mit VTE 1, 4
- Bestimmte Grunderkrankungen:
- Systemischer Lupus erythematodes
- Sichelzellkrankheit
- Entzündliche Erkrankungen
- Herzerkrankungen 1
Geburtshilfliche Risikofaktoren:
- Kaiserschnitt (besonders Notfall-Kaiserschnitt) 1
- Mehrlingsschwangerschaft 1
- Postpartale Blutung > 1 Liter 1
- Präeklampsie 1
- Intrauterine Wachstumsretardierung 1
- Frühgeburt 1
- Totgeburt 1
- Verlängerte Geburt > 24 Stunden 1
Vorübergehende Risikofaktoren:
- Immobilisation > 3 Tage 1
- Dehydratation/Hyperemesis 1
- Systemische Infektion 1
- Lange Reisen > 4 Stunden 1
- Chirurgische Eingriffe während der Schwangerschaft 1
- Ovarielles Hyperstimulationssyndrom (bei künstlicher Befruchtung) 1
Risikostratifizierung
Das höchste Risiko besteht bei:
- Frauen mit Antithrombin-Mangel
- Frauen mit mehreren thrombophilen Defekten
- Frauen mit kürzlich aufgetretener Thrombose
- Frauen mit früheren geburtshilflichen Komplikationen 1, 6
Für Frauen mit essentieller Thrombozythämie wird folgende Risikoeinstufung vorgeschlagen:
- Niedriges Risiko: Keine früheren thrombotischen Ereignisse, keine vererbte Thrombophilie, Alter < 35 Jahre, Thrombozytenzahl < 1 Million/μL
- Höchstes Risiko: Vorgeschichte geburtshilflicher Komplikationen oder mütterlicher Thrombose/Blutung 1
Zeitlicher Verlauf des Risikos
- Das Thromboserisiko ist während der gesamten Schwangerschaft erhöht
- Das höchste Risiko besteht in der postpartalen Phase (bis zu 6 Wochen nach der Entbindung) 1, 3, 7
- 80% der thromboembolischen Ereignisse in der Schwangerschaft sind venös 3
Besondere Beachtung
- Die Diagnose einer VTE während der Schwangerschaft kann schwierig sein, da viele Symptome mit einer normalen Schwangerschaft assoziiert sein können 7
- Fast alle tiefen Venenthrombosen treten im linken Bein oder in den Beckenvenen auf 7
- Bei Frauen mit erhöhtem Thromboserisiko sollte eine Thromboseprophylaxe erwogen werden, insbesondere in der postpartalen Phase 4, 5
Die Kenntnis dieser Risikofaktoren ist entscheidend für die Identifizierung von Frauen mit erhöhtem Thromboserisiko und die Einleitung geeigneter prophylaktischer Maßnahmen.