Thrombektomie bei distalen Gefäßverschlüssen
Die Thrombektomie bei distalen Gefäßverschlüssen bleibt unbewiesen und sollte nur in ausgewählten Einzelfällen in Betracht gezogen werden, da keine prospektiven oder randomisierten Daten vorliegen, die den Nutzen belegen.
Evidenzbasierte Empfehlungen nach Gefäßlokalisation
Posteriore Zirkulation (Distale Gefäßverschlüsse)
Die aktuelle Leitlinie der Society of NeuroInterventional Surgery (2024) stellt klar:
- Thrombektomie bei Verschlüssen der P1, P2 oder distaler Segmente der A. cerebri posterior bleibt unbewiesen 1
- Es existieren nur anekdotische und retrospektive Studien, die einen möglichen Nutzen beschreiben 1
- Es liegen keine prospektiven oder randomisierten Daten vor, die eine routinemäßige Behandlung dieser Patienten unterstützen 1
Anteriore Zirkulation (Distale Gefäßverschlüsse)
Für distale Gefäßverschlüsse der vorderen Zirkulation zeigen aktuelle Forschungsergebnisse:
- Mechanische Thrombektomie bei M2-Verschlüssen kann in ausgewählten Fällen mit schweren Symptomen in Betracht gezogen werden 2
- Vergleichende Studien zeigen, dass die Thrombektomie bei distalen Gefäßverschlüssen ähnliche Sicherheits- und Wirksamkeitsprofile wie die beste medizinische Behandlung aufweist 3
Entscheidungskriterien für Einzelfallentscheidungen
In Fällen, in denen eine Thrombektomie bei distalen Gefäßverschlüssen erwogen wird, sollten folgende Faktoren berücksichtigt werden:
- Schweregrad der Symptome: Patienten mit schweren neurologischen Defiziten profitieren möglicherweise mehr
- Zeitfenster: Frühere Intervention verbessert die Erfolgsaussichten
- Technische Durchführbarkeit: Anatomische Zugänglichkeit des Verschlusses
- Patientenspezifische Faktoren: Alter, Komorbiditäten und funktioneller Ausgangszustand
Technische Aspekte und Erfolgsraten
Bei der Durchführung einer Thrombektomie bei distalen Gefäßverschlüssen:
- Erfolgreiche Rekanalisationsraten (mTICI 2b-3) liegen bei etwa 82-84% 4
- Gute funktionelle Ergebnisse (mRS 0-2) werden bei 54-64% der Patienten erreicht 4
- Die Mortalitätsrate beträgt etwa 11-12% 4
- Symptomatische intrakranielle Blutungen treten bei 3-6% der Patienten auf 4
Wichtige Überlegungen und Einschränkungen
- Zeitfaktor: Verfahrenszeiten ≤1 Stunde sind unabhängige Prädiktoren für gute Ergebnisse bei distalen Gefäßverschlüssen 5
- Anzahl der Thrombektomieversuche: ≤3 Versuche sind mit besseren Ergebnissen verbunden 5
- Technische Wahl: Sowohl Aspirations- als auch Stent-Retriever-Techniken zeigen vergleichbare Ergebnisse 5
Fallstricke und Vorsichtsmaßnahmen
- Die Entscheidung zur Thrombektomie bei distalen Gefäßverschlüssen sollte nicht zu einer Verzögerung der Standardbehandlung führen
- Das Risiko von Gefäßverletzungen kann bei distalen Gefäßen höher sein
- Die Evidenz für den Nutzen ist deutlich schwächer als bei proximalen Gefäßverschlüssen
- Erfolgreiche Rekanalisation ist ein unabhängiger Prädiktor für gute Ergebnisse, unabhängig von der verwendeten Technik 5
Fazit
Die Thrombektomie bei distalen Gefäßverschlüssen kann in ausgewählten Fällen in Betracht gezogen werden, insbesondere bei Patienten mit schweren Symptomen und wenn sie von erfahrenen Interventionalisten durchgeführt wird. Die Entscheidung sollte jedoch individuell getroffen werden, da keine starke Evidenz für einen routinemäßigen Einsatz vorliegt. Weitere prospektive, randomisierte kontrollierte Studien sind erforderlich, um die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Behandlung zu bestätigen.