Neuroleptika und Gehirnvolumenveränderungen
Ja, es gibt Hinweise darauf, dass Neuroleptika (Antipsychotika) zu einer Verringerung des Gehirnvolumens führen können, wobei die klinische Bedeutung dieser Veränderungen noch nicht vollständig geklärt ist.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Gehirnveränderungen
- Langzeitstudien mit bildgebenden Verfahren haben gezeigt, dass eine längere und intensivere antipsychotische Behandlung mit einer Verringerung des Gehirngewebevolumens und einer Vergrößerung der Ventrikel verbunden sein kann 1
- In einer umfangreichen Langzeitstudie mit 211 Schizophrenie-Patienten und 674 MRT-Scans über durchschnittlich 7,2 Jahre wurde festgestellt, dass eine höhere Intensität der antipsychotischen Behandlung mit einer Verringerung des Gehirngewebevolumens assoziiert war 1
- Tierexperimentelle Studien an Makaken-Affen haben nach 17-27 Monaten Exposition gegenüber Haloperidol oder Olanzapin eine 8-11% Reduktion des frischen Hirngewichts im Vergleich zu Kontrolltieren gezeigt 2
- Diese Volumenreduktionen wurden in allen wichtigen Hirnregionen beobachtet, waren jedoch in den frontalen und parietalen Regionen am stärksten ausgeprägt 2
Unterschiede zwischen verschiedenen Antipsychotika
- Eine Studie fand unterschiedliche Grade des Volumenverlusts bei verschiedenen Antipsychotika, wobei sowohl typische als auch atypische Antipsychotika betroffen waren 1
- Bei Patienten, die mit atypischen Antipsychotika (Olanzapin und Risperidon) behandelt wurden, wurde eine Abnahme des Nucleus-caudatus-Volumens beobachtet 3
- Risperidon wurde in einer Studie mit einer signifikanten Zunahme des Seitenventrikels in Verbindung gebracht 3
Klinische Bedeutung und Einordnung
- Trotz der beobachteten Volumenveränderungen gibt es keine eindeutigen Hinweise darauf, dass diese strukturellen Veränderungen mit einer Verschlechterung der klinischen Symptome oder kognitiven Funktionen einhergehen 4, 3
- Atypische Antipsychotika zeigen sogar konsistente Vorteile bei der Feinmotorik, dem Gedächtnis und den exekutiven Funktionen in Studien mit Erwachsenen und scheinen weniger kognitive Schwierigkeiten zu verursachen als traditionelle Neuroleptika 5
- Die American Academy of Child and Adolescent Psychiatry weist darauf hin, dass atypische Antipsychotika im Vergleich zu traditionellen Neuroleptika weniger kognitive Beeinträchtigungen verursachen 5
Andere Faktoren, die zu Gehirnveränderungen beitragen können
- Es gibt stärkere und konsistentere Hinweise darauf, dass andere Faktoren wie Alkohol- und Cannabiskonsum wahrscheinliche Ursachen für progressive Gehirnveränderungen bei Schizophrenie sind 4
- Die Schizophrenie selbst hat erhebliche Auswirkungen auf die Kognition, die durch eine medikamentöse Therapie gemildert werden können 5
- Studien mit Hochrisikogruppen haben keine Unterschiede zu Kontrollen bei globalen oder lobären Hirnvolumina gezeigt 6
Abwägung von Nutzen und Risiken
- Angesichts der starken Evidenz aus klinischen Studien, dass Antipsychotika positive Auswirkungen auf Symptome, Funktion, Rückfallraten und Kognition haben, überwiegen die Vorteile der Behandlung in der Regel die potenziellen Risiken 4
- Bei der Verschreibung von Antipsychotika sollten Dosierung und Behandlungsdauer sorgfältig überwacht werden, insbesondere bei Off-Label-Anwendungen 1
- Regelmäßige klinische Überwachung und gegebenenfalls bildgebende Verfahren können helfen, mögliche Veränderungen frühzeitig zu erkennen 5
Vorsichtsmaßnahmen und Monitoring
- Bei der Verschreibung von Antipsychotika sollten Ärzte ein sorgfältiges Risiko-Nutzen-Abwägung der Dosierung und Behandlungsdauer vornehmen 1
- Regelmäßige Überwachung auf neurologische Nebenwirkungen wie extrapyramidale Symptome und tardive Dyskinesie wird empfohlen, insbesondere bei Langzeitanwendung 5
- Die Abnormal Involuntary Movement Scale (AIMS) ist ein nützliches Instrument zur Überwachung von Bewegungsstörungen und sollte mindestens alle 3 bis 6 Monate nach Beginn einer neuroleptischen Therapie durchgeführt werden 5