Protokoll zur Oozytengewinnung und Stimulation
Das Standardprotokoll für die Oozytengewinnung umfasst eine kontrollierte ovarielle Stimulation mit Gonadotropinen, gefolgt von einer GnRH-Antagonist-Gabe und hCG-Auslösung, wobei die Oozytenentnahme 36-38 Stunden nach hCG-Gabe erfolgt. 1
Ovarielle Stimulation
- Die kontrollierte ovarielle Stimulation beginnt typischerweise am 2. oder 3. Tag des natürlichen Menstruationszyklus mit der Gabe von rekombinantem FSH (Follistim®) in einer Dosierung von 150-225 IE täglich, abhängig vom Alter und der ovariellen Reserve der Patientin 1, 2
- Bei Patientinnen mit normaler ovarieller Reserve wird eine routinemäßige Stimulation empfohlen, um mehr Eizellen für die genetische Testung und den Transfer zu gewinnen 1
- Die Dosis kann ab dem 6. Stimulationstag je nach individueller Reaktion angepasst werden 3, 2
- Bei Patientinnen mit schlechtem Ansprechen können alternative Protokolle wie natürlicher Zyklus, minimale ovarielle Stimulation oder Stimulation in der Lutealphase erwogen werden 1
GnRH-Antagonisten-Protokoll
- GnRH-Antagonisten (z.B. Ganirelix 250 µg) werden am 5.-7. Tag der Stimulation (Tag 6 der FSH-Gabe) begonnen, wenn die Follikel einen Durchmesser von ≥14 mm erreicht haben 3, 4
- Der GnRH-Antagonist wird täglich bis zur Auslösung der Ovulation verabreicht, um einen vorzeitigen LH-Anstieg zu verhindern 3, 2
- Das GnRH-Antagonisten-Protokoll ist mit einem geringeren Risiko für ein ovarielles Hyperstimulationssyndrom (OHSS) verbunden im Vergleich zum langen GnRH-Agonisten-Protokoll (5,1% vs. 8,9%) 5
- Die mediane Dauer der GnRH-Antagonisten-Behandlung beträgt etwa 5 Tage 2
Ovulationsauslösung und Oozytengewinnung
- Nach ausreichender Follikelreifung (mindestens drei Follikel mit einem Durchmesser von ≥17 mm) wird die Ovulation mit hCG (5.000-10.000 IE) ausgelöst 1
- Die Oozytenentnahme erfolgt 36-38 Stunden nach der hCG-Gabe mittels transvaginaler ultraschallgesteuerter Follikelpunktion 1
- Bei Patientinnen mit erhöhtem OHSS-Risiko kann die Ovulation alternativ mit einem GnRH-Agonisten ausgelöst werden, was das OHSS-Risiko signifikant reduziert (0% vs. 16,7%) 6, 7
Besondere Überlegungen
- Bei Patientinnen mit Antiphospholipid-Antikörpern wird eine prophylaktische Antikoagulation mit niedermolekularem Heparin (z.B. Enoxaparin 40 mg täglich) empfohlen, beginnend mit der ovariellen Stimulation 1
- Die Antikoagulation wird 24-36 Stunden vor der Oozytenentnahme unterbrochen und danach wieder aufgenommen 1
- Bei Patientinnen mit erhöhtem Thromboserisiko können Stimulationsprotokolle mit niedrigeren Östrogen-Spitzenwerten, wie solche mit Aromatase-Inhibitoren, von Vorteil sein 1
Embryobiopsie und genetische Testung
- Nach der Oozytenentnahme wird in der Regel eine intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) durchgeführt, um Interferenzen durch mütterliche Granulosazellen und väterliche Spermien bei der genetischen Testung zu minimieren 1
- Die Blastozystenbiopsie ist die Hauptmethode für die Embryobiopsie und wird an Tag 5 oder 6 nach ICSI durchgeführt, wenn die Blastozyste vollständig expandiert ist 1, 8
- Es wird empfohlen, die Biopsie entfernt von der inneren Zellmasse durchzuführen und fünf bis acht Trophoblastenzellen zu biopsieren 1, 8
Kryokonservierung
- Nach der Oozytenentnahme werden die Embryonen häufig kryokonserviert ("Freeze-all"-Strategie), besonders bei Patientinnen mit erhöhtem OHSS-Risiko 1, 6
- Die Embryo- und Oozyten-Kryokonservierung sind gute Optionen zur Erhaltung der Fruchtbarkeit bei Patientinnen, deren Zustand stabil genug ist, um sich einer ovariellen Stimulation zu unterziehen, die aber zum Zeitpunkt der Stimulation entweder nicht in der Lage oder nicht bereit sind, eine Schwangerschaft anzustreben 1
Komplikationen und deren Management
- Das ovarielle Hyperstimulationssyndrom (OHSS) ist eine wichtige, wenn auch seltene Komplikation, die mit einem Kapillarlecksyndrom (mit Pleuraerguss und Aszites) und in schweren Fällen mit arteriellen und venösen Thrombosen und Nierenversagen einhergehen kann 1
- Zugrunde liegende Thrombophilien erhöhen das Risiko für ein schweres OHSS 1
- Bei Patientinnen mit erhöhtem OHSS-Risiko sollte ein GnRH-Antagonisten-Protokoll mit GnRH-Agonisten-Triggering und Embryokryokonservierung in Betracht gezogen werden 5, 6, 7