Medikamentöse Behandlung der chronischen Niereninsuffizienz
Die medikamentöse Behandlung der chronischen Niereninsuffizienz sollte auf Renin-Angiotensin-System-Inhibitoren (RASi) als Grundlage basieren, ergänzt durch SGLT2-Inhibitoren und weitere Medikamente je nach individuellen Risikofaktoren und Komorbiditäten.
Blutdruckkontrolle und Nephroprotektion
- ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker (ARB) sind die Erstlinientherapie bei chronischer Niereninsuffizienz, besonders bei Patienten mit Albuminurie, da sie nicht nur den Blutdruck senken, sondern auch direkte nephroprotektive Wirkungen haben 1
- Bei Patienten mit schwerer Albuminurie (A3) ohne Diabetes wird die Einleitung einer RASi-Therapie (ACE-Hemmer oder ARB) empfohlen 1
- Bei Patienten mit mäßiger Albuminurie (A2) ohne Diabetes wird eine RASi-Therapie vorgeschlagen 1
- Bei Patienten mit Diabetes und mäßiger bis schwerer Albuminurie wird eine RASi-Therapie dringend empfohlen 1
Dosierung und Überwachung von RASi
- RASi sollten in der höchsten verträglichen Dosis verabreicht werden, da die nachgewiesenen Vorteile in Studien mit diesen Dosen erzielt wurden 1
- Blutdruck, Serumkreatinin und Kalium sollten innerhalb von 2-4 Wochen nach Beginn oder Dosiserhöhung eines RASi überprüft werden 1
- Die ACE-Hemmer- oder ARB-Therapie sollte fortgesetzt werden, es sei denn, das Serumkreatinin steigt innerhalb von 4 Wochen nach Therapiebeginn oder Dosiserhöhung um mehr als 30% 1
- Eine Hyperkaliämie im Zusammenhang mit RASi kann oft durch Maßnahmen zur Senkung des Serumkaliumspiegels behandelt werden, anstatt die Dosis zu reduzieren oder die RASi abzusetzen 1
SGLT2-Inhibitoren
- SGLT2-Inhibitoren werden für Patienten mit Typ-2-Diabetes, chronischer Niereninsuffizienz und einer eGFR ≥20 ml/min/1,73 m² empfohlen 1
- SGLT2-Inhibitoren werden auch für Erwachsene mit chronischer Niereninsuffizienz empfohlen bei:
- eGFR ≥20 ml/min/1,73 m² mit Urin-ACR ≥200 mg/g (≥20 mg/mmol), oder
- Herzinsuffizienz, unabhängig vom Albuminuriegrad 1
- Nach Beginn eines SGLT2-Inhibitors ist es sinnvoll, diesen auch bei einem Abfall der eGFR unter 20 ml/min/1,73 m² fortzusetzen, sofern er vertragen wird 1
Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten (MRA)
- Nicht-steroidale MRA (wie Finerenon) werden für Erwachsene mit Typ-2-Diabetes, einer eGFR >25 ml/min/1,73 m², normaler Serumkaliumkonzentration und Albuminurie trotz maximaler RASi-Dosis empfohlen 1
- Nicht-steroidale MRA sind besonders geeignet für Erwachsene mit Typ-2-Diabetes, die ein hohes Risiko für CKD-Progression und kardiovaskuläre Ereignisse haben 1
Blutdruckziele
- Bei Erwachsenen mit chronischer Niereninsuffizienz wird ein Blutdruckziel von <140/90 mmHg empfohlen 1
- Bei Patienten mit Albuminurie kann ein niedrigeres Ziel von <130/80 mmHg angestrebt werden 1
- Bei älteren Patienten (>60 Jahre) mit chronischer Niereninsuffizienz kann ein Blutdruckziel von <150/90 mmHg ausreichend sein 1
Lipidsenkende Therapie
- Bei Erwachsenen ≥50 Jahre mit eGFR <60 ml/min/1,73 m² wird eine Behandlung mit einem Statin oder einer Statin/Ezetimib-Kombination empfohlen 1
- Bei Erwachsenen ≥50 Jahre mit chronischer Niereninsuffizienz und eGFR ≥60 ml/min/1,73 m² wird eine Statintherapie empfohlen 1
- Bei jüngeren Erwachsenen (18-49 Jahre) mit chronischer Niereninsuffizienz wird eine Statintherapie bei Vorliegen von koronarer Herzkrankheit, Diabetes mellitus, ischämischem Schlaganfall oder erhöhtem kardiovaskulärem Risiko empfohlen 1
Thrombozytenaggregationshemmung
- Bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz und bestehender ischämischer Herz-Kreislauf-Erkrankung wird eine niedrig dosierte Aspirin-Therapie zur Sekundärprävention empfohlen 1
- Bei Aspirin-Unverträglichkeit sollten andere Thrombozytenaggregationshemmer (z.B. P2Y12-Inhibitoren) in Betracht gezogen werden 1
Behandlung der Anämie
- Bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz sollte der Eisenstatus vor und während der Behandlung überprüft werden 2
- Eine Eisenergänzungstherapie sollte eingeleitet werden, wenn das Serumferritin unter 100 mcg/L liegt oder die Transferrinsättigung unter 20% liegt 2
- Bei der Behandlung mit Erythropoese-stimulierenden Substanzen (ESA) wie Epoetin alfa sollte ein Hämoglobinziel von nicht mehr als 11 g/dl angestrebt werden 2
Besondere Überlegungen
- Bei Patienten mit fortgeschrittener Niereninsuffizienz (eGFR <15 ml/min/1,73 m²) kann eine Dosisreduktion oder das Absetzen von ACE-Hemmern oder ARBs erwogen werden, um urämische Symptome zu reduzieren 1
- Bei älteren Patienten sollte die Therapie schrittweise eskaliert werden, mit besonderer Aufmerksamkeit für unerwünschte Ereignisse 3
- Die Kombination von ACE-Hemmern, ARBs und direkten Renin-Inhibitoren sollte vermieden werden 1
Die medikamentöse Behandlung der chronischen Niereninsuffizienz erfordert einen umfassenden Ansatz, der auf die Verlangsamung der Krankheitsprogression, die Verringerung kardiovaskulärer Risiken und die Behandlung von Komplikationen abzielt. Die Therapie sollte regelmäßig überwacht und angepasst werden, um optimale Ergebnisse zu erzielen.