Behandlung der Hyperkaliämie
Bei Hyperkaliämie sollte die Behandlung je nach Schweregrad erfolgen, wobei bei schwerer Hyperkaliämie (≥6,5 mEq/L) sofortige Maßnahmen zur Stabilisierung der Herzmembran, Verschiebung von Kalium in die Zellen und Elimination von Kalium aus dem Körper eingeleitet werden müssen. 1
Beurteilung und Klassifikation
- Hyperkaliämie wird klassifiziert als mild (5,0-5,9 mEq/L), moderat (6,0-6,4 mEq/L) oder schwer (≥6,5 mEq/L) 1
- EKG-Veränderungen wie spitze T-Wellen, abgeflachte P-Wellen, verlängertes PR-Intervall und verbreiterter QRS-Komplex erfordern unabhängig vom Kaliumwert eine dringende Behandlung 1
- Symptome können unspezifisch sein und EKG-Befunde sind weniger empfindlich als Laboruntersuchungen 2
Akute Behandlung der Hyperkaliämie
Schritt 1: Stabilisierung der Herzmembran
- Intravenöses Kalziumchlorid (10%): 5-10 ml (500-1000 mg) über 2-5 Minuten oder Kalziumgluconat (10%): 15-30 ml über 2-5 Minuten 1
- Die Wirkung von Kalzium beginnt innerhalb von 1-3 Minuten, ist jedoch vorübergehend (30-60 Minuten) und senkt nicht den Serumkaliumspiegel 1
Schritt 2: Verschiebung von Kalium in die Zellen
- Insulin mit Glukose: 10 Einheiten reguläres Insulin IV mit 25g Glukose (50 ml D50W) über 15-30 Minuten 1
- Nebulisierte Beta-2-Agonisten (Albuterol/Salbutamol): 10-20 mg über 15 Minuten 1, 3
- Natriumbikarbonat: 50 mEq IV über 5 Minuten, besonders wirksam bei gleichzeitiger metabolischer Azidose 1, 2
Schritt 3: Elimination von Kalium aus dem Körper
- Schleifendiuretika (Furosemid 40-80 mg IV) zur Erhöhung der renalen Kaliumausscheidung bei Patienten mit ausreichender Nierenfunktion 1
- Kationenaustauschharze oder neuere Kaliumbinder können eingesetzt werden 1, 4
- Hämodialyse ist die effektivste Methode bei schwerer oder therapieresistenter Hyperkaliämie, besonders bei Patienten mit Nierenversagen 1, 5
Behandlungsalgorithmus basierend auf Kaliumwerten
Bei Kaliumwerten zwischen 4,5 und 5,0 mEq/L
- Bei Patienten, die nicht die maximal tolerierte, leitliniengerechte Zieldosis von RAAS-Inhibitoren erhalten: RAAS-Inhibitor-Therapie einleiten/auftitrieren und Kaliumwerte engmaschig überwachen 6
- Wenn Kaliumwerte über 5,0 mEq/L ansteigen, einen zugelassenen Kaliumsenker einleiten 6
Bei Kaliumwerten zwischen 5,0 und 6,5 mEq/L
- Bei Patienten, die nicht die maximal tolerierte, leitliniengerechte Zieldosis von RAAS-Inhibitoren erhalten: Einen zugelassenen Kaliumsenker einleiten 6
- Wenn Kaliumwerte unter 5,0 mEq/L fallen, RAAS-Inhibitor auftitrieren - Kaliumwerte engmaschig überwachen 6
- Bei Patienten mit maximaler RAAS-Inhibitor-Therapie: Behandlung mit einem Kaliumsenker einleiten 6
Bei Kaliumwerten über 6,5 mEq/L
- RAAS-Inhibitor absetzen/reduzieren 6
- Behandlung mit einem Kaliumsenker einleiten, sobald Kaliumwerte über 5,0 mEq/L liegen 6
- Kaliumwerte engmaschig überwachen 6
- Sofortige Maßnahmen zur Stabilisierung der Herzmembran und Verschiebung von Kalium in die Zellen einleiten 1, 5
Wichtige klinische Überlegungen
- Vorübergehende Maßnahmen wie Insulin/Glukose und Beta-Agonisten haben nur vorübergehende Wirkungen (1-4 Stunden), und ein Rebound-Effekt kann nach 2 Stunden auftreten 1, 7
- Die Behandlung mit kaliumsenkenden Mitteln sollte so früh wie möglich eingeleitet werden, um einen Rebound zu verhindern 1
- Engmaschige Überwachung der Kaliumwerte während der Behandlung ist entscheidend, um eine Überkorrektur und Hypokaliämie zu vermeiden 1
- Überprüfung und Anpassung von Medikamenten, die zur Hyperkaliämie beitragen können, wie ACE-Hemmer, ARBs, MRAs, NSAIDs und Beta-Blocker 1, 8
- Natriumpolystyrolsulfonat sollte nicht als Notfallbehandlung für lebensbedrohliche Hyperkaliämie verwendet werden, da es eine verzögerte Wirkung hat 4
- Bei chronischer Hyperkaliämie sollte eine kaliumarme Diät und die Verwendung von Schleifendiuretika oder Thiaziddiuretika zur Förderung der Kaliumausscheidung in Betracht gezogen werden 9, 10
Besondere Überlegungen
- Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen unter RAAS-Inhibitoren benötigen eine sorgfältige Überwachung der Kaliumwerte, mit Beurteilung 7-10 Tage nach Beginn oder Erhöhung der Dosis 2
- Patienten mit chronischer Nierenerkrankung, Herzinsuffizienz oder Diabetes haben ein höheres Risiko für Hyperkaliämie und benötigen eine häufigere Überwachung 2, 10