Diagnostische Untersuchungen bei zufällig festgestellter Hyperkalzämie
Bei zufällig entdeckter Hyperkalzämie sollte zunächst eine Bestätigung durch nüchterne Messung von Gesamtkalzium und ionisiertem Kalzium erfolgen, gefolgt von einer gezielten Labordiagnostik mit intaktem Parathormon (iPTH) als wichtigstem initialen Test zur Unterscheidung PTH-abhängiger von PTH-unabhängigen Ursachen. 1, 2, 3
Initiale Bestätigungsdiagnostik
Wiederholungsmessung unter standardisierten Bedingungen:
- Nüchtern-Gesamtkalzium und ionisiertes Kalzium sollten gemessen werden, da transiente Erhöhungen durch Nahrungsaufnahme (insbesondere Kalzium-Supplemente) mehrere Stunden anhalten können 4
- Albumin zur Berechnung des korrigierten Kalziums: Korrigiertes Kalzium (mg/dL) = Gesamtkalzium (mg/dL) - 0,8 × [Albumin (g/dL) - 4] 1, 5
- Pseudohyperkalzämie durch Hämolyse oder verlängerte Venenstauung bei der Blutentnahme muss ausgeschlossen werden 4
Schweregrad-Klassifikation
Die Einteilung bestimmt die Dringlichkeit weiterer Diagnostik 1, 5, 3:
- Mild: >10 bis <11 mg/dL (>2,5 bis <2,75 mmol/L)
- Moderat: 11 bis 12 mg/dL (2,75 bis 3,0 mmol/L)
- Schwer: >14 mg/dL (>3,5 mmol/L)
Obligate Laboruntersuchungen
Erste Stufe - Basisdiagnostik:
- Intaktes Parathormon (iPTH) ist der wichtigste initiale Test zur Differenzierung 2, 3, 6
- Erhöhtes oder inadäquat normales iPTH bei Hyperkalzämie → primärer Hyperparathyreoidismus
- Supprimiertes iPTH (<20 pg/mL) → PTH-unabhängige Ursachen
- Serumkreatinin und Harnstoff zur Beurteilung der Nierenfunktion 1, 2, 5
- Serumphosphat und Magnesium 1, 2, 5
Zweite Stufe - Erweiterte Diagnostik (abhängig von iPTH-Ergebnis):
Bei erhöhtem/normalem iPTH:
- 25-Hydroxyvitamin D und 1,25-Dihydroxyvitamin D zur Beurteilung des Vitamin-D-Stoffwechsels 1, 2, 5
- Kalzium-Kreatinin-Quotient im Urin zum Ausschluss einer familiären hypokalziurischen Hyperkalzämie 1
Bei supprimiertem iPTH:
- Parathormon-related Protein (PTHrP) zum Nachweis einer Malignität-assoziierten Hyperkalzämie 1, 2, 5, 3
- 25-Hydroxyvitamin D und 1,25-Dihydroxyvitamin D bei Verdacht auf Vitamin-D-vermittelte Hyperkalzämie 1, 2, 5
Klinische Evaluation
Symptomerfassung nach Schweregrad:
- Mild/moderat: Polyurie, Polydipsie, Übelkeit, Verwirrtheit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Myalgien 1, 5
- Schwer: Bewusstseinsveränderungen, Bradykardie, Hypotonie, Dehydratation, akutes Nierenversagen 1, 5, 3
Medikamentenanamnese auf hyperkalzämie-induzierende Substanzen 3, 6:
- Thiaziddiuretika
- Kalzium- und Vitamin-D-Supplemente
- Lithium
- Vitamin-A-Präparate
Häufigste Ursachen und deren Häufigkeit
- Primärer Hyperparathyreoidismus und Malignome machen etwa 90% aller Hyperkalzämie-Fälle aus 3, 6
- Bei ambulanten Patienten überwiegt der primäre Hyperparathyreoidismus 7, 6
- Bei stationären Patienten dominieren maligne Erkrankungen 7, 6
Besondere Überlegungen
Bei Niereninsuffizienz:
- iPTH-Werte müssen vorsichtig interpretiert werden, da ein sekundärer Hyperparathyreoidismus mit anderen Hyperkalzämie-Ursachen koexistieren kann 2
Bei Sarkoidose-Verdacht:
- Hyperkalzämie tritt bei 6% der Sarkoidose-Patienten auf 8
- 1,25-Dihydroxyvitamin D ist häufig erhöht durch gesteigerte 1α-Hydroxylase-Produktion in Granulomen 8
- 25-Hydroxyvitamin D ist typischerweise niedrig 8
Wichtige Fallstricke
- Hyperalbuminämie kann den wahren Kalziumstatus maskieren - immer korrigiertes Kalzium berechnen oder ionisiertes Kalzium messen 1, 5
- Nicht-nüchterne Proben können zu falsch-positiven Ergebnissen führen, insbesondere nach Einnahme kalziumhaltiger Nahrung oder Supplemente 4
- Hämokonzentration durch prolongierte Venenstauung oder vorherige körperliche Anstrengung kann Kalziumwerte verfälschen 4
- Bei isoliert erhöhtem Gesamtkalzium sollte vor weiterer Diagnostik eine nüchterne Wiederholungsmessung von Gesamt- und ionisiertem Kalzium erfolgen 4