Nahrungsergänzungsmittel bei ADHS
Nahrungsergänzungsmittel sollten bei ADHS nicht routinemäßig empfohlen werden, da die Evidenz für die meisten Präparate unzureichend ist; nur bei nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel oder als Ergänzung zur Standardtherapie können Omega-3-Fettsäuren in Betracht gezogen werden.
Allgemeine Empfehlungen zu Nahrungsergänzungsmitteln
- Die American Academy of Pediatrics gibt keine spezifischen Empfehlungen für Nahrungsergänzungsmittel als Erstlinientherapie bei ADHS 1
- Verhaltenstherapie und Medikamente (Stimulanzien oder Nicht-Stimulanzien wie Atomoxetin, Guanfacin, Clonidin) bleiben die evidenzbasierten Behandlungen 1
- Nahrungsergänzungsmittel können nur als ergänzende Maßnahmen bei unzureichendem Ansprechen auf Standardtherapien oder bei dokumentierten Mangelzuständen erwogen werden 2, 3
Omega-3-Fettsäuren: Die beste verfügbare Evidenz
- Omega-3-Fettsäuren (EPA/DHA) zeigen die stärkste Evidenz unter allen Nahrungsergänzungsmitteln bei ADHS 2, 3, 4
- Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie von 2015 zeigte, dass 650 mg EPA/DHA täglich über 16 Wochen die Aufmerksamkeitssymptome bei Jungen mit ADHS und bei gesunden Kontrollkindern verbesserte 5
- Die Kombination aus EPA, DHA und γ-Linolensäure wird als ADHS-spezifische Intervention empfohlen, wenn Standardtherapien versagen oder abgelehnt werden 4
- Wichtiger Hinweis: Die Wirkung ist moderat und sollte nicht als Ersatz für evidenzbasierte Therapien betrachtet werden 3, 5
Vitamin D und Magnesium
- Vitamin-D-Supplementierung verbessert ADHS-Symptome nur bei nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel 6
- Die Kombination von Vitamin D mit Magnesium zeigte positive Effekte, aber nur wenn Ausgangswerte von Vitamin D insuffizient oder defizitär waren 6
- Routinemäßige Supplementierung ohne dokumentierten Mangel wird nicht empfohlen 1, 6
Zink
- Zink hat die beste Evidenz unter den Mineralstoffen mit zwei positiven randomisierten kontrollierten Studien 2
- Supplementierung ist nur bei nachgewiesenem Zinkmangel indiziert 3, 4
- Zink kann die Wirksamkeit von Stimulanzien verstärken 3
Eisen
- Eisensupplementierung ist nur bei dokumentiertem Eisenmangel indiziert 3, 4
- Eisenmangel sollte vor Therapiebeginn ausgeschlossen werden, da er ADHS-Symptome verschlimmern kann 3
- Ohne nachgewiesenen Mangel gibt es keine Evidenz für eine Supplementierung 4
Nicht empfohlene Nahrungsergänzungsmittel
- Multivitamin-/Mineralpräparate: Können als allgemeine pädiatrische Gesundheitsmaßnahme erwogen werden, sind aber nicht ADHS-spezifisch wirksam 4
- Johanniskraut, Tyrosin, Phenylalanin: Keine Evidenz für Wirksamkeit bei ADHS 2
- Carnitin: Gemischte Evidenz, möglicherweise bei Unaufmerksamkeit wirksam, aber begrenzte Datenlage 2, 4
- Ginkgo biloba, Ginseng: Unzureichende Evidenz 2
- Kräuterpräparate und homöopathische Mittel: Praktisch keine Evidenz für Wirksamkeit 4
Ernährungsmuster und Diäten
- Eine "westliche" Ernährung (reich an Fett und raffinierten Zuckern) ist mit ADHS assoziiert 3, 6
- Eine "gesunde" Ernährung (reich an Ballaststoffen, Folat und Omega-3-Fettsäuren) ist negativ mit ADHS assoziiert 3, 6
- Eliminationsdiäten (z.B. künstliche Farbstoffe) haben begrenzte Evidenz und können zu Nährstoffmängeln führen; sie sollten nur in ausgewählten Fällen erwogen werden 3, 4, 6
Praktische Empfehlungen
Wann Nahrungsergänzungsmittel erwägen:
- Bei Versagen oder Ablehnung der Standardmedikation 3, 4
- Bei dokumentierten Nährstoffmängeln (Vitamin D, Eisen, Zink) 3, 4, 6
- Als Ergänzung zur Standardtherapie, nicht als Ersatz 4
Konkrete Vorgehensweise:
- Zunächst Standardtherapie (Verhaltenstherapie und/oder Medikamente) einleiten 1
- Bei unzureichendem Ansprechen: Vitamin-D-, Eisen- und Zinkstatus überprüfen 3, 4
- Bei nachgewiesenen Mängeln: Gezielte Supplementierung 4, 6
- Bei Ablehnung von Medikamenten oder als Ergänzung: Omega-3-Fettsäuren (EPA/DHA-Kombination) erwägen 4, 5
- Ernährungsberatung zur Vermeidung der "westlichen" Ernährung und Förderung einer gesunden Ernährung 3, 6
Wichtige Warnhinweise
- Verzögerung evidenzbasierter Behandlungen durch ausschließliche Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln kann negative Folgen haben 4
- Kräuterpräparate sind trotz "natürlicher" Herkunft pharmakologisch aktive Substanzen mit unzureichender Evidenz 4
- Die meisten Nahrungsergänzungsmittel haben keine FDA-Zulassung für ADHS und werden nicht durch Krankenkassen erstattet 2, 4