Warum gibt es in der Schweiz keine Booster-Impfempfehlung für diese Gruppe?
In der Schweiz gibt es für gesunde, dreifach geimpfte und bereits infizierte Personen in den Vierzigern keine allgemeine Booster-Empfehlung, weil diese Gruppe bereits durch die Kombination von Impfung und natürlicher Infektion einen robusten Immunschutz aufweist und nicht zu den Hochrisikogruppen für schwere COVID-19-Verläufe gehört.
Risikobasierter Ansatz der Schweizer Impfstrategie
Die Schweiz verfolgt einen risikobasierten Ansatz bei COVID-19-Impfempfehlungen, der sich auf vulnerable Populationen konzentriert:
Priorisierung von Hochrisikogruppen: Die internationalen Richtlinien empfehlen Booster-Impfungen primär für Personen ab 65 Jahren, immunsupprimierte Patienten, und Personen mit schweren Grunderkrankungen, da diese Gruppen ein deutlich erhöhtes Risiko für Hospitalisierung und Tod haben 1.
Altersabhängiges Risiko: Ältere Personen (>65 Jahre) haben aufgrund von Komorbiditäten, eingeschränkter Immunfunktion und reduzierter Organfunktion ein signifikant höheres Risiko für schwere COVID-19-Verläufe 2. Personen in den Vierzigern ohne Grunderkrankungen gehören nicht zu dieser Hochrisikogruppe.
Hybridimmunität nach Infektion und Impfung
Die Kombination aus Impfung und durchgemachter Infektion bietet einen besonders starken Schutz:
Verstärkte Immunität: Die Impfung nach natürlicher Infektion verstärkt die Immunität und bietet einen robusteren Schutz gegen Varianten, der über die natürliche Immunität allein hinausgeht 3, 2.
Empfohlene Wartezeit nach Infektion: Internationale Richtlinien empfehlen, die Impfung 2-3 Monate nach einer COVID-19-Infektion zu verschieben, um die Immunantwort zu optimieren 3, 2. Dies deutet darauf hin, dass kürzlich Infizierte bereits einen ausreichenden Schutz haben.
Verzögerungsoption bei kürzlicher Infektion: Die CDC-Richtlinien erwähnen, dass Personen mit kürzlicher SARS-CoV-2-Infektion eine Verzögerung der Booster-Dosis um 3 Monate in Betracht ziehen können 1.
Ressourcenallokation und Nutzen-Risiko-Abwägung
Die Schweizer Gesundheitsbehörden müssen Ressourcen effizient einsetzen:
Fokus auf maximalen Nutzen: Bei begrenzten Ressourcen konzentrieren sich Impfempfehlungen auf Gruppen mit dem höchsten Nutzen hinsichtlich Morbidität und Mortalität 1.
Schweizer Expertenkonsens: Eine Delphi-Studie mit Schweizer Experten im Jahr 2020 zeigte Konsens darüber, dass in der ersten Phase medizinisches Personal an vorderster Front und Personen ≥65 Jahre mit Risikofaktoren priorisiert werden sollten 4. Gesunde Personen mittleren Alters waren nicht Teil der Prioritätsgruppen.
Impfakzeptanz und bevölkerungsspezifische Faktoren
Die Schweiz hat spezifische Herausforderungen bei der Impfakzeptanz:
Bedenken hinsichtlich Sicherheit und Wirksamkeit: Schweizer Studien zeigen, dass Bedenken bezüglich Impfstoffsicherheit und -wirksamkeit sowie die Präferenz, auf mehr Evidenz zu warten, mit geringerer Impfbereitschaft assoziiert sind 5, 6.
Zurückhaltung bei Mandaten: Schweizer Gesundheitsfachkräfte und die Bevölkerung zeigen generell Ablehnung gegenüber Impfmandaten und bevorzugen individuelle Entscheidungen 7. Dies spiegelt eine kulturelle Präferenz für persönliche Autonomie wider.
Geringere Booster-Bereitschaft in der Schweiz: Eine regionale Studie zeigte, dass die Bereitschaft für jährliche COVID-19-Booster in der Schweiz niedriger war als in Deutschland und Österreich 8.
Klinische Überlegungen
Wichtige Faktoren, die die Schweizer Empfehlungen beeinflussen:
Anhaltende Wirksamkeit gegen schwere Erkrankung: Die Impfstoffwirksamkeit gegen schweres COVID-19 bleibt in den meisten Studien über 70% 3. Bei dreifach geimpften Personen mit zusätzlicher natürlicher Infektion ist dieser Schutz noch ausgeprägter.
Keine erhöhte Anfälligkeit bei Gesunden: Studien zeigen, dass gesunde Personen ohne Immunsuppression kein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe haben 1.
Fokus auf vulnerable Gruppen: Die Ressourcen werden auf immunsupprimierte Patienten (Krebspatienten, Transplantationsempfänger, Patienten mit chronischen Leber- oder Nierenerkrankungen) konzentriert, die suboptimale Impfantworten zeigen und zusätzliche Dosen benötigen 1.
Häufige Fallstricke
Exposition nicht mit Infektion verwechseln: Exposition allein ist kein Grund, die Impfung zu verzögern, aber eine bestätigte Infektion rechtfertigt eine Wartezeit von 2-3 Monaten 3.
Individuelle Risikofaktoren berücksichtigen: Obwohl es keine allgemeine Empfehlung gibt, sollten Personen in den Vierzigern mit spezifischen Risikofaktoren (Immunsuppression, schwere Grunderkrankungen) individuell beraten werden 1.