Therapie des Alkoholentzugssyndroms
Benzodiazepine sind die Erstlinientherapie für das Alkoholentzugssyndrom, wobei langwirksame Substanzen wie Diazepam oder Chlordiazepoxid bevorzugt werden, es sei denn, es liegt eine Leberinsuffizienz oder andere schwere Komorbiditäten vor – in diesem Fall ist Lorazepam die sicherere Wahl. 1, 2
Pharmakologische Erstlinientherapie
Benzodiazepine-Auswahl nach Patientencharakteristika
Langwirksame Benzodiazepine (bevorzugt bei unkompliziertem Entzug):
- Diazepam 5-10 mg oral/IV/IM alle 6-8 Stunden bietet überlegenen Schutz vor Krampfanfällen und Delirium tremens durch längere Wirkdauer 1, 3, 2
- Chlordiazepoxid 25-100 mg oral alle 4-6 Stunden als gleichwertige Alternative 1
- Diese Substanzen wirken über GABA-Aktivierung anxiolytisch, sedierend und antikonvulsiv 1
Lorazepam (bei speziellen Indikationen):
- Lorazepam 1-4 mg oral/IV/IM alle 4-8 Stunden (Startdosis 6-12 mg/Tag) ist indiziert bei: 1, 4
- Leberinsuffizienz oder fortgeschrittener Lebererkrankung
- Schwerem Alkoholentzugssyndrom
- Höherem Lebensalter
- Kürzlichem Schädeltrauma
- Respiratorischer Insuffizienz
- Adipositas
- Anderen schweren medizinischen Komorbiditäten
- Kurz- und mittellangwirksame Benzodiazepine sind bei Leberfunktionsstörungen sicherer, da sie keine aktiven Metaboliten bilden 4
Kritische Behandlungsdauer
Benzodiazepine dürfen nicht länger als 10-14 Tage fortgeführt werden wegen des Abhängigkeitspotenzials, besonders bei Patienten mit Alkoholkonsumstörung 4, 3
Obligate Begleittherapie
Thiamin-Supplementierung (unverzichtbar)
- Thiamin 100-300 mg/Tag für alle Patienten mit Alkoholentzugssyndrom zur Prävention der Wernicke-Enzephalopathie 1, 4
- Thiamin muss VOR glukosehaltigen Infusionen verabreicht werden, da Glukosegabe ohne Thiamin eine akute Thiamindefizienz auslösen kann 1, 3
- Behandlungsdauer: 4-12 Wochen zur Prävention, bei manifester Wernicke-Enzephalopathie 100-500 mg/Tag für 12-24 Wochen 1
- Die Thiamin-Gabe sollte 2-3 Monate nach Abklingen der Entzugssymptome fortgesetzt werden 1
Supportive Maßnahmen
Zusatzmedikation bei speziellen Situationen
Bei unzureichender Symptomkontrolle durch Benzodiazepine
Haloperidol 0,5-5 mg oral alle 8-12 Stunden oder 2-5 mg IM nur als vorsichtige Zusatztherapie bei Agitation oder psychotischen Symptomen wie Halluzinationen, die durch Benzodiazepine nicht kontrolliert werden 1
Alternative Antikonvulsiva
Carbamazepin 200 mg oral alle 6-8 Stunden als Alternative zu Benzodiazepinen mit Wirksamkeit in der Anfallsprävention 1
Behandlungssetting-Entscheidung
Indikationen für stationäre Behandlung
Stationäre Aufnahme ist erforderlich bei: 1
- Schwerwiegenden Komplikationen wie Delirium tremens oder Krampfanfällen
- Signifikantem Alkoholentzugssyndrom
- Hohem kürzlichen Alkoholkonsum
- Anamnese von Entzugskrampfanfällen oder Delirium tremens
- Schweren medizinischen oder psychiatrischen Begleiterkrankungen
- Versagen der ambulanten Behandlung
Ambulante Behandlung
- Ambulante Behandlung ist kosteneffektiver ohne Unterschied in der Abstinenzrate nach 6 Monaten 1
- Geeignet für Patienten mit leichter bis moderater Symptomatik ohne zusätzliche Risikofaktoren 5
- Erfordert tägliche Überwachung für bis zu 5 Tage nach dem letzten Alkoholkonsum 5
Monitoring und Verlaufsbeurteilung
Der CIWA-Ar-Score sollte zur Beurteilung der Entzugsschwere und Steuerung der Behandlungsintensität verwendet werden: 4, 3
- Score >8 zeigt moderates Alkoholentzugssyndrom an und erfordert pharmakologische Behandlung
- Score ≥15 zeigt schweres Alkoholentzugssyndrom an
Langfristige Behandlungsplanung
Psychiatrische Konsultation wird empfohlen für die Evaluation, akute Behandlung des Alkoholentzugssyndroms und langfristige Abstinenzplanung 1
Medikamente zur Aufrechterhaltung der Abstinenz
Baclofen bis maximal 80 mg/Tag hat Sicherheit und Wirksamkeit bei der Förderung der Alkoholabstinenz bei Patienten mit alkoholischer Lebererkrankung und Zirrhose gezeigt 4
Kontraindizierte Medikamente bei Lebererkrankung
- Naltrexon sollte bei alkoholischer Lebererkrankung vermieden werden wegen Hepatotoxizitätsrisiko 4
- Disulfiram darf nicht bei schwerer alkoholischer Lebererkrankung verwendet werden wegen möglicher Hepatotoxizität 4
Wichtige Fallstricke
- Niemals glukosehaltige Infusionen vor Thiamin-Gabe verabreichen
- Benzodiazepine nicht über 10-14 Tage hinaus fortführen
- Bei Leberinsuffizienz keine langwirksamen Benzodiazepine verwenden
- Regelmäßige Leberfunktionskontrollen zur Überwachung durchführen 4