Empfehlung für eine Journal Club-Studie zur Psychopharmakotherapie
Für einen gut strukturierten Journal Club zur Psychopharmakotherapie empfehle ich die American College of Physicians Leitlinie von 2016 zur Behandlung der Major Depression, die pharmakologische und nicht-pharmakologische Therapien direkt vergleicht. 1
Warum diese Studie ideal für einen Journal Club ist
Klare Struktur und Vergleichbarkeit
- Die Leitlinie basiert auf einer systematischen Übersichtsarbeit von 171 randomisierten kontrollierten Studien mit 24.868 Teilnehmern, die zwischen 1984 und 2012 durchgeführt wurden 1
- Sie vergleicht direkt Second-Generation-Antidepressiva (SSRIs, SNRIs) mit psychologischen Interventionen (kognitive Verhaltenstherapie), komplementären Therapien und körperlicher Aktivität 1
- Die Evidenz wurde nach dem AHRQ-Methodenhandbuch bewertet und mit dem ACP-Bewertungssystem eingestuft, was eine transparente Qualitätsbewertung ermöglicht 1
Klinisch relevante Ergebnisse
Wirksamkeit: Die Studie zeigt, dass Second-Generation-Antidepressiva und die meisten anderen Interventionen sich in ihrer Wirksamkeit als Erstlinientherapie bei leichter bis schwerer Major Depression nicht signifikant unterscheiden 1
Verträglichkeit: Patienten unter Second-Generation-Antidepressiva hatten ein höheres Risiko für Nebenwirkungen oder Therapieabbruch aufgrund von Nebenwirkungen im Vergleich zu psychologischen, komplementären oder Bewegungsinterventionen 1
Diskussionswürdige Aspekte für den Journal Club
Methodologische Stärken
- Meta-Analysen und Netzwerk-Meta-Analysen wurden verwendet, wenn direkte Vergleiche fehlten 1
- Die Studie verwendete hierarchische frequentistische Ansätze und Random-Effects-Modelle 1
- Einschluss von 24.868 erwachsenen ambulanten Patienten mit Major Depression 1
Methodologische Schwächen
- Von 45 eingeschlossenen Studien wurden 16 als hohes Bias-Risiko eingestuft und nur 5 als niedriges Risiko 1
- Die meisten Studien wurden von Pharmaunternehmen gesponsert, was das Potenzial für Überschätzung der Behandlungseffekte birgt 2
- Viele Studien berichteten nicht ausreichend über methodologische Details wie Randomisierungsmethode, Allokationsverdeckung und Verblindung 1
- Nebenwirkungen wurden oft unzureichend erfasst - nur eine von 45 Studien verwendete eine objektive Skala zur Bewertung von Schäden 1
Klinische Implikationen
- Die Ergebnisse unterstützen nicht die Empfehlung, dass eine Kombination von Pharmakotherapie und Psychotherapie bei mittelschwerer bis schwerer Depression notwendig ist 1
- Es gibt auffallend wenig vergleichende Daten darüber, welche Behandlungsoptionen für Patienten am effektivsten sind, die eine Zweitlinientherapie benötigen (etwa 70% der Patienten mit Major Depression) 1
- Die begrenzte Datenlage erlaubt keine Schlussfolgerungen darüber, wie die Auswahl der Behandlungsstrategien auf Basis des Schweregrades der Depression des Patienten variieren sollte 1
Praktischer Nutzen für die Diskussion
Evidenzbasierte Entscheidungsfindung: Die Studie bietet konkrete Odds Ratios und Standardisierte Mittelwertdifferenzen für verschiedene Vergleiche, die im Journal Club diskutiert werden können 1, 2
Übertragbarkeit auf die Praxis: Die meisten Studien waren eher explanatorisch als pragmatisch konzipiert - sie testeten, ob eine Behandlung unter idealen Bedingungen funktioniert, nicht in der alltäglichen Praxis 1
Behandlungsdauer: Die meisten Studien lieferten nur Informationen für die akute Behandlungsphase, nicht für die Fortsetzungs- oder Erhaltungsphase 1
Alternative Studienempfehlung
Als Alternative könnte die VA/DoD-Leitlinie von 2022 zur Major Depression diskutiert werden, die neuere Interventionen wie Ketamin, Esketamin und Psychedelika in der Behandlung von Depression adressiert 1