Selen-Substitution in Deutschland
Die empfohlene tägliche Selenzufuhr für gesunde Erwachsene in Deutschland beträgt 70 µg für Männer und 60 µg für Frauen, wobei die aktuelle Versorgungslage als suboptimal einzustufen ist mit durchschnittlichen Plasma-Selenwerten von nur 82 µg/L. 1, 2
Aktuelle Versorgungslage in Deutschland
Die Selensituation in Deutschland ist besorgniserregend:
Die durchschnittliche Plasma-Selenkonzentration liegt bei 82 µg/L (basierend auf 8.010 gesunden Erwachsenen aus 37 Studien über 50 Jahre), was deutlich unter dem optimalen Bereich liegt. 2
Die tatsächliche tägliche Selenaufnahme beträgt nur 47 µg bei Männern und 38 µg bei Frauen (0,67 µg/kg Körpergewicht), was erheblich unter den Referenzwerten liegt. 3
Deutsche Böden sind selenarm mit durchschnittlich 0,123 mg/kg in landwirtschaftlichen Böden, wobei die Bioverfügbarkeit durch saure Böden zusätzlich eingeschränkt ist. 4
Tierisches Protein liefert 65,5% der Selenzufuhr, wobei Schweinefleisch 25,1% beiträgt - hauptsächlich durch Futtermittel-Supplementierung, nicht durch natürliche Quellen. 3
Substitutionsempfehlungen für verschiedene Situationen
Gesunde Erwachsene (Prävention)
- Männer: 70 µg/Tag 1
- Frauen: 60 µg/Tag 1
- Stillende Frauen: 75 µg/Tag (erhöhter Bedarf durch Selenabgabe über Muttermilch) 1
- Schwangere: 60 µg/Tag (kein signifikant erhöhter Bedarf) 1
Kinder und Jugendliche
- Säuglinge 0-4 Monate: 10 µg/Tag 1
- Säuglinge 4-12 Monate: 15 µg/Tag 1
- Kinder und Jugendliche: Extrapoliert nach Körpergewicht vom Erwachsenenwert 1
Patienten mit parenteraler/enteraler Ernährung
Bei Patienten ohne Entzündung:
Grundbedarf: 60-100 µg/Tag zur Normalisierung des Plasma-Selens bei Heimparentalernährung 5, 6
Bei nachgewiesenem Mangel (kürzlich reduzierte Zufuhr): bis zu 200 µg/Tag mit Monitoring der Plasma-Selenspiegel, oral möglich wenn Gastrointestinaltrakt verfügbar 5, 6
Kritische Schwellenwerte für Intervention:
Plasma-Selen <0,4 mmol/L (<32 mg/L): Immer Supplementierung erforderlich, unabhängig vom Entzündungsstatus 5, 6
Plasma-Selen <0,75 mmol/L bei Patienten ohne Entzündung: Supplementierung empfohlen zur Vermeidung von Immunfunktionsstörungen 5, 6
Spezielle klinische Situationen mit erhöhtem Bedarf
Verbrennungspatienten: 375 µg/Tag intravenös (schnellere Heilung, weniger Infektionen) 5, 6
Nierenersatztherapie: Erhöhte Mengen erforderlich aufgrund erhöhter Verluste und oxidativem Stress 5
Akuter Mangel (Plasma-Selen <0,4 mmol/L): 100 µg/Tag für 2 Wochen zur schnellen Korrektur, intravenöser Weg bevorzugt 5
Wichtige Warnhinweise und Fallstricke
Vermeiden Sie diese häufigen Fehler:
Keine Hochdosis-Supplementierung auf Intensivstationen: Meta-Analysen zeigen keinen konsistenten Nutzen von massiv erhöhten Selengaben (1000-4000 µg/Tag) bei Intensivpatienten - dies wird ausdrücklich nicht empfohlen. 5, 6
Toxizitätsrisiko beachten: Obere Toxizitätsgrenzen liegen bei Plasma-Selenwerten von 6-12 mmol/L. 5, 6
Chronische Überexposition vermeiden: Positive Assoziation mit Typ-2-Diabetes und hochgradigem Prostatakarzinom bei langfristiger Überversorgung. 5, 6
Entzündung berücksichtigen: Bei CRP 10-40 mg/L fallen Plasma-Selenwerte um 15-25%, bei CRP 41-80 mg/L um 35%, bei CRP >80 mg/L um 50% - simultane CRP-Messung ist daher obligat zur korrekten Interpretation. 5
Monitoring-Strategie
Baseline-Messung: Plasma-Selen und CRP bei allen Patienten, die voraussichtlich >2 Wochen parenteral ernährt werden 6
Verlaufskontrollen: Alle 3-6 Monate während laufender parenteraler Ernährung, häufiger bei initial niedrigen Werten 6
Langzeit-enterale Ernährung: Regelmäßiges Monitoring erforderlich, da Selengehalt der Produkte variiert 5, 6
Praktische Umsetzung der Supplementierung
Orale Route bevorzugen: Bei guter enteraler Absorption und ohne Kontraindikationen, beginnend mit 100 µg/Tag 5
Intravenöse Route: Bei Plasma-Selen <0,4 mmol/L zur schnellen Korrektur, bis zu 400 µg/Tag für mindestens 7-10 Tage möglich, dann Kontrolle 5
Natriumselenit 300 µg/Tag: Erhöht Vollblut-Selenspiegel effektiv von initial niedrigen Werten auf therapeutische Bereiche (97,2 auf 119-128 µg/L), besonders wirksam bei Tumorpatienten 7