Aufsättigung mit Digitalisglykosiden bei Vorhofflimmern
Klare Empfehlung zur Aufsättigung
Eine Aufsättigung (Loading Dose) mit Digitalisglykosiden ist bei stabilen Patienten mit Vorhofflimmern generell nicht erforderlich und sollte vermieden werden – stattdessen sollte direkt mit der Erhaltungsdosis begonnen werden. 1
Wann eine Aufsättigung in Betracht gezogen werden kann
Eine intravenöse Aufsättigung kann nur bei hämodynamisch stabilen Patienten mit Vorhofflimmern und schneller Kammerfrequenz erwogen werden, wenn eine rasche Frequenzkontrolle erforderlich ist 2, 1:
- Initiale IV-Bolusdosis: 0,25-0,5 mg intravenös als Bolus
- Weitere Dosen: 0,25 mg alle 6-8 Stunden
- Maximale Gesamtdosis: bis zu 1,0 mg über 24 Stunden 2, 1
- Wirkungseintritt: etwa 60 Minuten oder länger 2
Wichtige Kontraindikationen für eine Aufsättigung
Absolute Kontraindikationen 2, 1:
- Präexzitationssyndrome (z.B. WPW-Syndrom mit Vorhofflimmern) – Digitalis kann paradoxerweise die Kammerfrequenz beschleunigen 2
- Signifikanter Sinusknoten- oder AV-Block zweiten/dritten Grades ohne permanenten Herzschrittmacher 1, 3
- Dekompensierte Herzinsuffizienz mit hämodynamischer Instabilität 2
Relative Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen 1, 4:
- Hypokaliämie (K+ <4,0 mEq/L) – erhöht massiv das Toxizitätsrisiko
- Hypomagnesiämie
- Hypothyreose
- Eingeschränkte Nierenfunktion
- Gleichzeitige Gabe von Medikamenten, die Digoxinspiegel erhöhen (Amiodaron, Verapamil, Clarithromycin)
Bevorzugter Ansatz: Direkte Erhaltungsdosierung
Für die meisten Patienten mit chronischem Vorhofflimmern ist der bevorzugte Ansatz: 1, 5
- Keine Aufsättigung durchführen
- Direkt mit Erhaltungsdosis beginnen:
Wichtige klinische Überlegungen
Digoxin ist nicht Erstlinientherapie bei Vorhofflimmern 3:
- Betablocker sind Digoxin überlegen, besonders bei Belastung 3, 6
- Digoxin sollte nicht als alleiniges Medikament zur Frequenzkontrolle bei paroxysmalem Vorhofflimmern verwendet werden 2
- Kombinationstherapie ist am effektivsten: Digoxin plus Betablocker oder Kalziumkanalblocker 2
Therapeutisches Monitoring 1:
- Zielserumkonzentration: 0,6-1,2 ng/mL für Vorhofflimmern
- Bei Herzinsuffizienz: 0,5-0,9 ng/mL (niedrigere Spiegel bevorzugt)
- Konzentrationen >1,0 ng/mL bieten keinen zusätzlichen Nutzen und können die Mortalität erhöhen 1
Häufige Fallstricke
- Vermeiden Sie Aufsättigung bei elektrolytischen Störungen – korrigieren Sie zuerst Kalium (Ziel: 4,0-5 mEq/L) und Magnesium 4
- Bei hämodynamischer Instabilität: Elektrische Kardioversion ist indiziert, nicht Digoxin 2
- Vorsicht bei älteren Patienten: Höheres Toxizitätsrisiko durch reduzierte Nierenfunktion und niedrige Körpermasse 4, 7
- Medikamenteninteraktionen beachten: Amiodaron erfordert Dosisreduktion um 30-50% 1
Praktischer Algorithmus
- Hämodynamisch instabil? → Elektrische Kardioversion, nicht Digoxin 2
- Präexzitationssyndrom vorhanden? → Digoxin kontraindiziert 2
- Elektrolyte normal (K+ >4,0, Mg++ normal)? → Falls nein, zuerst korrigieren 4
- Rasche Frequenzkontrolle erforderlich? → Erwägen Sie IV-Aufsättigung (siehe Dosierung oben) 2, 1
- Chronische Frequenzkontrolle? → Beginnen Sie direkt mit oraler Erhaltungsdosis, keine Aufsättigung 1, 5
- Kombinieren Sie mit Betablocker für optimale Frequenzkontrolle bei Belastung 2, 3