Klassifikation des Von-Willebrand-Syndroms
Das Von-Willebrand-Syndrom wird in drei Haupttypen klassifiziert: Typ 1 (partielle quantitative Defizienz), Typ 2 (qualitative Defizienz mit vier Subtypen: 2A, 2B, 2M, 2N) und Typ 3 (nahezu vollständige quantitative Defizienz). 1
Haupttypen und ihre Charakteristika
Typ 1 VWS
- Partielle quantitative VWF-Defizienz mit proportional vermindertem Von-Willebrand-Faktor 1
- Macht ~75% aller symptomatischen Patienten aus 1
- VWF:RCo und VWF:Ag beide <30 IU/dL 1
- VWF:RCo/VWF:Ag-Ratio >0,5–0,7 (wichtig zur Unterscheidung von Typ 2) 1
- FVIII-Aktivität ebenfalls erniedrigt oder normal 1
Typ 2 VWS (Qualitative Defekte)
Dieser Typ umfasst vier distinkte Subtypen mit unterschiedlichen pathophysiologischen Mechanismen:
Typ 2A:
- Verminderte VWF-abhängige Thrombozytenadhäsion mit selektivem Mangel an hochmolekularen VWF-Multimeren 1
- VWF:RCo <30 IU/dL, VWF:Ag 30–200 IU/dL 1
- VWF:RCo/VWF:Ag-Ratio <0,5–0,7 1
- Häufigster Typ-2-Subtyp 1
Typ 2B:
- Erhöhte VWF-Affinität für Thrombozyten-Glykoprotein Ib 1
- Kann mit Thrombozytopenie einhergehen 1
- VWF:RCo <30 IU/dL, VWF:Ag 30–200 IU/dL 1
- VWF:RCo/VWF:Ag-Ratio meist <0,5–0,7 1
Typ 2M:
- Verminderte VWF-abhängige Thrombozytenadhäsion ohne selektiven Mangel an hochmolekularen Multimeren 1
- Laborwerte ähnlich wie Typ 2A, aber normale Multimerenverteilung 1
- VWF:RCo/VWF:Ag-Ratio <0,5–0,7 1
Typ 2N:
- Deutlich verminderte VWF-Bindungsaffinität für Faktor VIII 1
- VWF:RCo und VWF:Ag beide 30–200 IU/dL (relativ normal) 1
- FVIII-Aktivität deutlich erniedrigt (↓↓) 1
- VWF:RCo/VWF:Ag-Ratio >0,5–0,7 1
- Kann Hämophilie A imitieren 2
Typ 3 VWS
- Nahezu vollständige VWF-Defizienz 1
- Seltenste Form: ~1 Person pro 1.000.000 1
- VWF:RCo und VWF:Ag beide <3 IU/dL 1
- FVIII-Aktivität stark erniedrigt (↓↓↓, typisch <10 IU/dL) 1
- Schwere, lebensbedrohliche Blutungen möglich 1
Erworbenes Von-Willebrand-Syndrom (AVWS)
AVWS unterscheidet sich fundamental vom hereditären VWS und sollte bei folgenden Konstellationen in Betracht gezogen werden 3:
- Keine persönliche oder familiäre Blutungsanamnese 3
- Laborwerte ähnlich wie bei VWS 1, 3
- Assoziierte Grunderkrankungen: lymphoproliferative Erkrankungen, myeloproliferative Erkrankungen, kardiovaskuläre Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Hypothyreose, Malignome 3
Wichtige diagnostische Grenzwerte
Der Cut-off-Wert von 30 IU/dL wird für die definitive VWS-Diagnose empfohlen 1, aus folgenden Gründen:
- Hohe Frequenz der Blutgruppe 0 in der Bevölkerung (assoziiert mit niedrigeren VWF-Spiegeln) 1
- Blutungssymptome werden auch von einem signifikanten Anteil normaler Personen berichtet 1
- Bei vielen Personen mit mild bis moderat erniedrigten VWF-Spiegeln wurden keine VWF-Gen-Abnormalitäten identifiziert 1
Wichtiger Hinweis: Dies schließt die VWS-Diagnose bei Patienten mit VWF:RCo 30–50 IU/dL nicht aus, wenn unterstützende klinische und/oder familiäre Evidenz vorliegt 1.