Beta-Blocker bei Kokainintoxikation: Indikationen und Kontraindikationen
Klare Empfehlung
Beta-Blocker sind bei akuter Kokainintoxikation absolut kontraindiziert und dürfen nicht verabreicht werden, da sie durch ungehemmte Alpha-adrenerge Stimulation zu lebensbedrohlicher Koronarvasospasmus-Verschlechterung führen können. 1, 2
Pathophysiologischer Mechanismus der Kontraindikation
- Kokain blockiert die präsynaptische Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin, was zu übermäßigen Konzentrationen an postsynaptischen Rezeptoren und sympathischer Aktivierung führt 1
- Kokain hat direkte vasokonstriktorische Effekte auf die glatte Gefäßmuskulatur und kann Koronarspasmen auslösen 1
- Bei Gabe von reinen Beta-Blockern während Kokainintoxikation werden Beta-adrenerge Rezeptoren blockiert, während die Alpha-adrenerge Stimulation ungehemmt bleibt, was den Koronarvasospasmus verschlimmert 1, 2
Klinische Zeichen der akuten Kokainintoxikation (absolute Kontraindikation für Beta-Blocker)
Folgende Zeichen identifizieren Patienten, bei denen Beta-Blocker absolut kontraindiziert sind:
- Euphorie - Schlüsselzeichen der akuten Intoxikation 1, 2
- Tachykardie (Herzfrequenz erhöht durch postsynaptische β-adrenerge Rezeptor-Agonismus) 2
- Hypertonie (erhöhter Blutdruck durch periphere postsynaptische α-adrenerge Rezeptor-Agonismus) 2
- Gesteigerte psychomotorische Aktivität und Agitation 2
- Hyperthermie, Krampfanfälle, Diaphorese 2
Dokumentierte klinische Schäden durch Beta-Blocker bei Kokainintoxikation
- Ein dokumentierter Todesfall nach Gabe von 5 mg Metoprolol bei einem Patienten mit kokainassoziiertem Brustschmerz: Der Patient entwickelte kurz nach Beta-Blocker-Gabe vernichtenden Brustschmerz, pulslose elektrische Aktivität und verstarb 3
- Ein Fall von Propranolol-induzierter paroxysmaler Blutdruckerhöhung bei Kokaintoxizität, der Nitroprussid zur Blutdruckkontrolle erforderte 4
Empfohlene Erstlinientherapie bei akuter Kokainintoxikation
Benzodiazepine allein oder in Kombination mit Nitroglycerin sind die von der American Heart Association empfohlene Erstlinienbehandlung für Hypertonie und Tachykardie bei akuter Kokainintoxikation 1, 2
Spezifische Therapieoptionen:
- Benzodiazepine: Primäre Behandlung für Hypertonie, Tachykardie und Agitation 2
- Kalziumkanalblocker (z.B. Diltiazem): Für Koronarvasospasmus, empfohlen vom American College of Cardiology 1
- Nitrate: Für Koronarvasospasmus und Brustschmerz 1
- Phentolamin (Alpha-Antagonist): Kann Koronarvasokonstriktion umkehren 5
Einzige mögliche Ausnahme: Labetalol unter sehr spezifischen Bedingungen
Labetalol (kombinierter Alpha- und Beta-Blocker) kann nur dann in Betracht gezogen werden, wenn ALLE folgenden Kriterien erfüllt sind:
- Der Patient hat bereits innerhalb der letzten Stunde einen Vasodilatator (Nitroglycerin oder Kalziumkanalblocker) erhalten UND 1
- Hypertonie besteht (systolischer Blutdruck >150 mmHg) ODER Sinustachykardie (Puls >100 bpm) 1
- Keine Zeichen akuter Intoxikation mehr vorhanden (keine Euphorie, keine akute sympathische Überstimulation) 1
Diese Ausnahme gilt nur für Labetalol oder Carvedilol (kombinierte β/α-Blocker), niemals für reine Beta-Blocker 5
Patienten OHNE akute Intoxikation
- Bei Patienten mit Kokainkonsum in der Anamnese, aber ohne Zeichen akuter Intoxikation, kann das Standard-ACS-Management befolgt werden, laut American Heart Association 1
- Die Kontraindikation für Beta-Blocker ist am kritischsten während der akuten Intoxikation (wenn Patienten Euphorie, Tachykardie und/oder Hypertonie zeigen) 1
Häufige Fehler, die vermieden werden müssen
- Versäumnis, Zeichen akuter Kokainintoxikation vor Beta-Blocker-Gabe zu erkennen - der gefährlichste Fehler 1, 2
- Verabreichung von Beta-Blockern (einschließlich Labetalol) vor Vasodilatatoren bei kokaininduzierter Hypertonie oder Tachykardie 1
- Unterschätzung des Risikos von Koronarspasmen bei Kokainkonsum 1
Kontroverse in der Literatur
- Eine Meta-Analyse von 2019 mit 2.048 Patienten fand keine signifikanten Unterschiede in Mortalität oder Myokardinfarkt zwischen Patienten mit und ohne Beta-Blocker-Behandlung 6
- Trotz dieser retrospektiven Daten bleiben die aktuellen Leitlinien von AHA/ACC bei der Kontraindikation, basierend auf dokumentierten Todesfällen und dem pathophysiologischen Mechanismus 1, 2, 3
- Die Leitlinienempfehlungen haben Vorrang vor retrospektiven Beobachtungsstudien, insbesondere angesichts dokumentierter Todesfälle 3