Evidenz für Luftreiniger in Privathaushalten zur Verhinderung von Krankheitsübertragungen
Es gibt derzeit keine ausreichende Evidenz, um den routinemäßigen Einsatz von Luftreinigern in Privathaushalten zur Verhinderung von Krankheitsübertragungen zu empfehlen, da keine Studien die Wirksamkeit auf die Inzidenz respiratorischer Infektionen untersucht haben.
Evidenzlage für Privathaushalte
Fehlende klinische Studien
- Eine systematische Übersichtsarbeit von 2021 fand keine einzige Studie, die die Auswirkungen von Luftreinigern auf die Inzidenz respiratorischer Infektionen in irgendeinem Setting untersuchte 1
- Die Literatursuche umfasste Studien von Januar 2000 bis September 2020 und fand trotz umfassender Suche keine relevanten klinischen Endpunktstudien 1
- Laufende Studien in Pflegeheimen (nicht Privathaushalten) befinden sich noch in der Protokollphase, ohne verfügbare Ergebnisse 2, 3
Theoretische Wirksamkeit vs. klinischer Nutzen
- HEPA-Filter können theoretisch 99,97% der Partikel ≥0,3 µm Durchmesser entfernen, was die Größe von Tuberkulose-Tröpfchenkernen (1-5 µm) und Aspergillus-Sporen (1,5-6 µm) einschließt 4
- Zwei Studien zeigten, dass HEPA-Filter Bakterien aus der Raumluft erfassen können, wobei eine Studie eine 41%ige Reduktion der bakteriellen Belastung berichtete (Zeitpunkt der Probenahme nicht angegeben) 1
- Wichtig: Keine dieser Studien untersuchte Viren oder klinische Infektionsraten 1
Einschränkungen für den häuslichen Gebrauch
Hauptübertragungswege nicht adressiert
- Die meisten respiratorischen Infektionen (Influenza, SARS-CoV-2) werden primär durch große Tröpfchen und direkten/indirekten Kontakt übertragen, nicht durch Aerosole 5
- Luftreiniger haben daher wenig Nutzen bei der Kontrolle und Prävention der Ausbreitung dieser Infektionen 5
- Nur spezifische Erreger wie Tuberkulose, Varizellen, Masern und disseminierter Herpes Zoster werden hauptsächlich über Aerosole übertragen 4, 6
Technische Limitationen
- Die Wirksamkeit von Luftreinigern variiert erheblich (30-90% für HEPA-Einheiten, abhängig von Testbedingungen) 5
- Tragbare Einheiten sind weniger zuverlässig als fest installierte Systeme bezüglich ausreichender Raumluftdurchmischung und Luftströmungsmuster 5
- Die strategische Platzierung ist entscheidend - eine schlecht positionierte Einheit kann Luftströmungsmuster stören und die Effizienz beeinträchtigen 5, 7
Wann HEPA-Filtration sinnvoll sein könnte
Hochrisikopatienten im häuslichen Umfeld
- CDC-Richtlinien empfehlen HEPA-Filtration für schwer immunsupprimierte Patienten (allogene Stammzelltransplantation, absolute Neutrophilenzahl <500 Zellen/mL) in speziellen Schutzumgebungen 4
- Diese Empfehlungen gelten für Krankenhausumgebungen mit >12 Luftwechseln pro Stunde, positiver Druckdifferenz und gut abgedichteten Räumen 4
- Keine Evidenz existiert für die Übertragbarkeit dieser Empfehlungen auf normale Privathaushalte 4
Spezifische Situationen
- Bei bekannter Exposition gegenüber luftübertragenen Erregern (z.B. Haushaltsmitglied mit aktiver Tuberkulose) könnte HEPA-Filtration als ergänzende Maßnahme theoretisch sinnvoll sein 4
- Dies ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit für persönliche Schutzausrüstung (N95-Masken) und andere Infektionskontrollmaßnahmen 4
Wichtige Fallstricke
Falsche Sicherheitswahrnehmung
- Der Einsatz von Luftreinigern darf nicht zu einer Vernachlässigung bewährter Infektionskontrollmaßnahmen führen (Händehygiene, physische Distanzierung, Maskentragen bei Symptomen) 5
- Luftreiniger sind kein Ersatz für ausreichende Belüftung durch Öffnen von Fenstern oder mechanische Lüftungssysteme 5
Überschätzung der Wirksamkeit
- Hersteller behaupten oft hohe Wirksamkeitsraten, aber diese basieren auf Labortests unter idealen Bedingungen, nicht auf realen häuslichen Bedingungen 5
- Die tatsächliche Wirksamkeit in Privathaushalten ist völlig unbekannt 1
Fehlende Kosten-Nutzen-Evidenz
- Ohne Studien zur klinischen Wirksamkeit kann keine Aussage über das Kosten-Nutzen-Verhältnis getroffen werden 1, 3
- Die Anschaffungs- und Betriebskosten (Filterwechsel, Stromverbrauch) müssen gegen den unbekannten Nutzen abgewogen werden 5
Zusammenfassende Empfehlung
Für die allgemeine Bevölkerung in Privathaushalten gibt es keine ausreichende Evidenz, um den Kauf von Luftreinigern zur Verhinderung von Krankheitsübertragungen zu rechtfertigen 1. Die Ressourcen sollten stattdessen in bewährte Maßnahmen investiert werden: regelmäßiges Lüften, Händehygiene, Impfungen und bei Bedarf Maskentragen 5. Für Haushalte mit schwer immunsupprimierten Personen sollte eine individuelle Beratung durch Infektiologen oder Krankenhaushygieniker erfolgen, wobei zu beachten ist, dass selbst hier keine Evidenz für den häuslichen Einsatz vorliegt 4, 1.