Vergleich des diabetogenen Risikos: Atorvastatin vs. Rosuvastatin
Rosuvastatin weist ein höheres diabetogenes Risiko als Atorvastatin auf, wobei der Unterschied klinisch gering ist und die kardiovaskulären Vorteile beider Statine das Diabetesrisiko deutlich überwiegen.
Direkter Vergleich der diabetogenen Effekte
Glykämische Auswirkungen in klinischen Studien
- In einer direkten Vergleichsstudie mit maximalen Dosen erhöhte Rosuvastatin 40 mg die Insulinspiegel um 8,7% gegenüber dem Ausgangswert, während Atorvastatin 80 mg die Insulinspiegel um 5,2% erhöhte 1
- Entscheidend ist, dass nur Atorvastatin das glykierte Albumin signifikant erhöhte (+0,8% vs. -0,7% bei Rosuvastatin, p=0,002), was auf eine stärkere Verschlechterung der Glukosehomöostase bei Atorvastatin in dieser Studie hindeutet 1
- Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes zeigte Rosuvastatin einen signifikant größeren Anstieg des HbA1c im Vergleich zu Atorvastatin (p<0,049), obwohl beide Gruppen eine gute glykämische Kontrolle beibehielten 2
- In einer großen Kohortenstudie war das Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes mit Rosuvastatin höher als mit Atorvastatin 3
Mechanismus und klinische Relevanz
- Hochintensive Statine verursachen einen jährlichen Überschuss von 1,27-1,36% bei der Diabetesinzidenz, wobei etwa 4,8% der Patienten unter hochintensiver Statintherapie über den Beobachtungszeitraum Diabetes entwickeln 4
- Die diabetogenen Effekte konzentrieren sich auf Hochrisikopopulationen: etwa 62-67% der überschüssigen Diabetesfälle treten bei Patienten im höchsten Quartil der Ausgangsglykämie auf 4
- Statine scheinen die Diabetesdiagnose bei prädisponierten Personen um etwa 5 Wochen zu beschleunigen, anstatt de novo Diabetes zu verursachen 4
Klinische Risiko-Nutzen-Abwägung
Kardiovaskulärer Nutzen überwiegt deutlich
- Für jeden durch Statine induzierten Diabetesfall werden 5,4 kardiovaskuläre Ereignisse über 4 Jahre verhindert 5, 4
- Alternative Schätzungen zeigen 5-9 verhinderte ASCVD-Ereignisse pro Diabetesfall 4
- Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und koronarer Herzkrankheit überwiegt trotz eines bescheidenen HbA1c-Anstiegs von 0,12% über 3,6 Jahre der kardiovaskuläre Nutzen eindeutig das Diabetesrisiko 5
Lipidsenkende Wirksamkeit
- Rosuvastatin 40 mg ist Atorvastatin 80 mg bei der LDL-C-Senkung überlegen 6
- Rosuvastatin reduzierte das mittlere LDL-C über 16 Wochen um 57,4%, während Atorvastatin es um 46,0% reduzierte (p<0,001) 2
- Beide Statine sind als hochintensive Therapie klassifiziert und erreichen ≥50% LDL-C-Reduktion 7
Praktische Empfehlungen für die klinische Anwendung
Statin-Auswahl basierend auf Patientenprofil
- Bei Patienten mit Prädiabetes oder multiplen Diabetesrisikofaktoren sollte Atorvastatin bevorzugt werden, da es ein etwas geringeres diabetogenes Risiko aufweist 1, 2
- Bei Patienten, die primär eine maximale LDL-C-Senkung benötigen und ein niedriges Diabetesrisiko haben, kann Rosuvastatin aufgrund seiner überlegenen lipidsenkenden Wirkung bevorzugt werden 2, 6
- Für gemischte Dyslipidämie kann Atorvastatin 40-80 mg trotz diabetogener Effekte bevorzugt werden, da es ≥50% LDL-C-Reduktion und signifikante Triglyceridsenkung bietet 5
Monitoring-Strategie
- Überprüfung von HbA1c und Nüchternglukose zu Beginn vor Einleitung der Statintherapie 5
- Erneute Kontrolle der Lipidwerte und Glukoseparameter 4-6 Wochen nach Beginn oder Dosisänderung 5
- Regelmäßige Glukoseüberwachung (Nüchternglukose oder HbA1c) alle 6-12 Monate bei Patienten mit hohem Diabetesrisiko unter Statintherapie 4
- Screening auf neu auftretenden Diabetes während der Statintherapie, wobei der ASCVD-Risikoreduktionsnutzen das erhöhte Diabetesrisiko überwiegt 5
Patientenaufklärung
- Patienten sollten darüber informiert werden, dass der Glukoseanstieg bescheiden und beherrschbar ist im Vergleich zum erheblichen kardiovaskulären Schutz 5
- Bei Patienten mit Diabetes und koronarer Herzkrankheit sollte betont werden, dass trotz eines potenziell bescheidenen Anstiegs der Blutglukose das Risiko-Nutzen-Verhältnis eindeutig die Statinverabreichung begünstigt 5
- Betonung von Lebensstilinterventionen (Gewichtsabnahme, Bewegung) zur Minderung des Diabetesrisikos 4
Wichtige Fallstricke
- Das diabetogene Risiko sollte niemals dazu führen, Statine bei Patienten mit kardiovaskulären Indikationen vorzuenthalten 4
- Die absoluten Unterschiede im diabetogenen Risiko zwischen Atorvastatin und Rosuvastatin sind relativ gering und sollten nicht die primäre Entscheidungsgrundlage sein 1, 2
- Bei Patienten >75 Jahren ist die Evidenz für zusätzliche kardiovaskuläre Risikoreduktion mit hochintensiver versus moderatintensiver Statintherapie geringer 8