Kann Vorhofflimmern mit Tachykardie Schwindel verursachen?
Ja, Vorhofflimmern mit einer Herzfrequenz von knapp 100 bpm kann definitiv Schwindel verursachen, auch wenn die Frequenz nicht extrem erhöht ist. 1, 2
Mechanismen des Schwindels bei Vorhofflimmern
Die Symptome bei Vorhofflimmern entstehen durch mehrere hämodynamische Störungen:
- Unregelmäßiger Rhythmus und erhöhte Herzfrequenz führen zu Palpitationen, Dyspnoe, Müdigkeit und Schwindel, selbst bei moderat erhöhten Frequenzen um 100 bpm 1
- Verlust der atrialen Kontraktion reduziert das Herzzeitvolumen um bis zu 15%, was die Symptomatik verstärkt 1
- Hämodynamische Beeinträchtigung durch die Irregularität der ventrikulären Antwort beeinträchtigt die Ventrikelfüllung und reduziert die myokardiale Kontraktilität aufgrund variabler Zykluslängen 1
- Reduzierte koronare Durchblutung während Vorhofflimmern im Vergleich zu regulärem Rhythmus kann zusätzlich zur Symptomatik beitragen 1
Klinische Bewertung bei Herzfrequenz um 100 bpm
Bei Ihrer Patientin mit klinisch arrhythmischem Puls und Herzfrequenz knapp bei 100 bpm:
- Diese Frequenz liegt im Grenzbereich zwischen kontrolliert und unkontrolliert, wobei die aktuellen Leitlinien eine "leniente" Frequenzkontrolle mit Zielwert <110 bpm in Ruhe als initial ausreichend betrachten 1, 2
- Symptomatischer Schwindel bei dieser Frequenz ist jedoch ein Indikator dafür, dass die Patientin möglicherweise von einer strengeren Frequenzkontrolle profitieren würde 1
- Die Irregularität des Rhythmus kann symptomatischer sein als die absolute Frequenz selbst 1
Behandlungsalgorithmus
Schritt 1: Hämodynamische Stabilität beurteilen
- Sofortige elektrische Kardioversion ist indiziert bei hämodynamischer Instabilität (symptomatische Hypotonie, akute Herzinsuffizienz, Angina pectoris, Bewusstseinsstörung) 2, 3
- Bei stabiler Hämodynamik mit Schwindel: pharmakologische Frequenzkontrolle einleiten 2, 3
Schritt 2: Frequenzkontrolle bei stabilen Patienten
Erstlinientherapie:
- Betablocker oder Nicht-Dihydropyridin-Kalziumkanalblocker (Diltiazem, Verapamil) sind die Medikamente der ersten Wahl 1, 2
- Zielfrequenz: Initial <110 bpm in Ruhe; bei persistierenden Symptomen wie Schwindel sollte eine strengere Kontrolle (60-80 bpm in Ruhe) angestrebt werden 1, 2
Wichtige Kontraindikationen:
- Digitalis sollte nicht als Monotherapie bei paroxysmalem Vorhofflimmern verwendet werden 1
- Bei dekompensierter Herzinsuffizienz sind intravenöse Nicht-Dihydropyridin-Kalziumkanalblocker kontraindiziert 1
Schritt 3: Monitoring und Verlaufskontrolle
- 24-Stunden-Holter-Monitoring zur Beurteilung der Frequenzkontrolle über den Tag 1, 2
- Belastungstest bei symptomatischen Patienten, um die Frequenzantwort unter Belastung zu evaluieren 1, 2
- Unkontrollierte Tachykardie ≥130 bpm kann zu Tachykardie-induzierter Kardiomyopathie führen, die sich innerhalb von 6 Monaten nach adäquater Frequenzkontrolle zurückbilden kann 1, 2
Wichtige Fallstricke
- Nicht auf spontane Konversion warten: Die meisten Patienten benötigen eine aktive Intervention, auch wenn einige Fälle (besonders postoperativ) spontan konvertieren können 3
- Symptome ernst nehmen: Schwindel bei "nur" 100 bpm bedeutet nicht, dass keine Behandlung nötig ist – die Irregularität und der Verlust der atrialen Kontraktion können auch bei moderat erhöhten Frequenzen symptomatisch sein 1
- Antikoagulation nicht vergessen: Unabhängig von der Frequenzkontrolle muss das Schlaganfallrisiko mittels CHA₂DS₂-VASc-Score bewertet und eine entsprechende Antikoagulation eingeleitet werden 4