Antidepressiva bei Diabetes: Empfehlungen zur Auswahl
Bei Patienten mit Diabetes und Depression sollten SSRIs (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) als Erstlinientherapie bevorzugt werden, wobei Sertralin aufgrund seiner günstigen Wirkung auf die glykämische Kontrolle besonders geeignet ist. 1, 2
Bevorzugte Antidepressiva
SSRIs als Erstlinientherapie
- SSRIs sind die bevorzugte Medikamentenklasse bei Diabetes-Patienten mit Depression, da sie im Gegensatz zu trizyklischen Antidepressiva keine Gewichtszunahme oder Verschlechterung der Blutzuckerkontrolle verursachen 1, 3
- Sertralin (50 mg/Tag) hat in Studien nicht nur depressive Symptome signifikant reduziert, sondern auch die Blutzuckerkontrolle verbessert: 13 von 17 Patienten mit HbA1c >8,0% zeigten eine Reduktion 2
- SSRIs können eine hypoglykämische Wirkung haben (bis zu 30% Reduktion der Nüchternglukose) und wirken appetithemmend, was bei übergewichtigen Diabetikern vorteilhaft sein kann 3
Alternative Wirkstoffe
- Duloxetin (60-120 mg/Tag) ist eine wirksame Alternative, besonders bei komorbider diabetischer Neuropathie, da es sowohl antidepressive als auch analgetische Effekte hat 4
- GLP-1-Rezeptoragonisten zeigten in Meta-Analysen signifikante Verbesserungen depressiver Symptome bei Typ-2-Diabetikern und können als adjuvante Therapie in Betracht gezogen werden 4
- Bupropion und Agomelatine haben vielversprechende Ergebnisse gezeigt, benötigen aber weitere Studien zur Bestätigung 1
Zu vermeidende Antidepressiva
Trizyklische Antidepressiva (TCAs)
- TCAs sollten bei Diabetikern nur mit großer Vorsicht und engmaschiger Blutzuckerkontrolle eingesetzt werden, da sie Hyperglykämie verursachen können 1, 3
- TCAs führen zu erhöhtem Appetit auf Kohlenhydrate (Steigerung um 86-200%) und Gewichtszunahme, was die Diabeteskontrolle verschlechtert 3
- Bei Dosen >100 mg/Tag besteht ein erhöhtes Risiko für plötzlichen Herztod, besonders bei kardiovaskulären Vorerkrankungen 4
- Falls TCAs notwendig sind (z.B. bei neuropathischen Schmerzen), sollte mit 10 mg/Tag begonnen und langsam auf maximal 75 mg/Tag titriert werden 4
MAO-Hemmer
- MAO-Hemmer (besonders Hydrazin-MAO-Hemmer wie Phenelzin) sollten vermieden werden, da sie schwere Hypoglykämien auslösen können durch direkte Beeinflussung der Glukoneogenese 3
Wichtige Warnhinweise und Überwachung
Hypoglykämie-Risiko
- Beachten Sie, dass SSRIs trotz ihrer Vorteile Hypoglykämien verursachen können - engmaschige Blutzuckerkontrolle ist besonders zu Therapiebeginn erforderlich 1, 3
- Patienten sollten über Hypoglykämie-Symptome aufgeklärt und zur häufigeren Blutzuckerselbstkontrolle angehalten werden 1
Kollaborative Versorgung
- Die Behandlung sollte in einem kollaborativen Modell erfolgen, bei dem der behandelnde Psychiater oder Psychologe mit dem Diabetes-Team zusammenarbeitet, da dieser Ansatz sowohl Depression als auch glykämische Kontrolle verbessert 4
- Psychologische Interventionen (kognitive Verhaltenstherapie, interpersonelle Therapie) sollten parallel zur medikamentösen Therapie angeboten werden 4
Monitoring-Parameter
- Überwachen Sie HbA1c-Werte alle 3 Monate während der Antidepressiva-Therapie 2
- Screenen Sie mindestens jährlich auf depressive Symptome mit validierten Instrumenten 4
- Kontrollieren Sie Körpergewicht und Appetit regelmäßig 3
- Überwachen Sie innerhalb von 1-2 Wochen nach Therapiebeginn auf Suizidalität, besonders bei Patienten 18-24 Jahre 5
Häufige Fallstricke
- Vermeiden Sie die isolierte Behandlung der Depression ohne Optimierung der Diabeteskontrolle, da beide Erkrankungen sich gegenseitig verstärken 6
- Behandeln Sie nicht nur die Depression, sondern screenen Sie auch auf Diabetes-spezifische Belastungen (Diabetes Distress), Angst vor Hypoglykämien und Essstörungen 4
- Berücksichtigen Sie, dass Verbesserungen der Depression variable Effekte auf HbA1c haben - nicht alle Patienten zeigen eine Verbesserung der glykämischen Kontrolle 4, 7