Rezeptorprofile und Substanzauswahl bei Antipsychotika
Primäre Empfehlung nach Rezeptorprofil
Für die Erstlinientherapie psychotischer Störungen sollten Antipsychotika mit günstigen Rezeptorprofilen bevorzugt werden: Risperidon (1,25-3,5 mg/Tag), Quetiapin (100-300 mg/Tag), Olanzapin (7,5-15 mg/Tag) oder Aripiprazol (15-30 mg/Tag), wobei die Auswahl primär auf dem individuellen Nebenwirkungsrisiko basiert. 1
Rezeptorprofile und klinische Implikationen
Hochpotente D2-Antagonisten
- Risperidon zeigt hohe D2- und 5-HT2A-Rezeptoraffinität, was zu guter antipsychotischer Wirksamkeit führt, aber mit erhöhtem Risiko für extrapyramidale Symptome (EPS) und Hyperprolaktinämie einhergeht 1
- Haloperidol als hochpotenter D2-Antagonist verursacht häufig EPS, ist aber effektiv bei akuter Agitation 1, 2
- Paliperidon (aktiver Metabolit von Risperidon) zeigt ähnliches Profil mit höchster Prolaktinerhöhung unter allen Antipsychotika 3
Multirezepto-Antagonisten mit metabolischem Risiko
- Olanzapin (5-20 mg/Tag) bindet an D2-, 5-HT2A-, H1- und M1-Rezeptoren, zeigt hohe Wirksamkeit (Effektstärke 0,59 vs. Placebo), verursacht aber erhebliche Gewichtszunahme und metabolische Nebenwirkungen 4, 3
- Clozapin hat die höchste Wirksamkeit (Effektstärke 0,88 vs. Placebo) durch breites Rezeptorprofil (D1-D5, 5-HT, H1, M1-M5, α-adrenerge Rezeptoren), ist aber nur für therapieresistente Schizophrenie indiziert wegen Agranulozytoserisiko und starker metabolischer Effekte 1, 5, 3
Partielle D2-Agonisten
- Aripiprazol (15-30 mg/Tag) wirkt als partieller D2-Agonist und 5-HT2A-Antagonist, zeigt geringeres EPS-Risiko und minimale Prolaktinerhöhung, aber mögliche Akathisie 1, 6
- Cariprazin hat ähnliches Profil mit potenziellem Vorteil bei Negativsymptomen (Effektstärke 0,29 vs. Risperidon) 3, 2
Niedrigpotente Substanzen mit sedierenden Eigenschaften
- Quetiapin (50-300 mg/Tag) zeigt höhere 5-HT2A- als D2-Affinität, minimale EPS und keine Prolaktinerhöhung, aber Sedierung und metabolische Effekte durch H1-Blockade 1, 7, 3
- Besonders geeignet bei Parkinson-Patienten wegen geringer D2-Blockade im nigrostriatalen System 8, 7
Substanzen mit Vorteil bei Negativsymptomen
- Amisulprid (niedrige Dosen) zeigt selektive D2/D3-Blockade mit stärkster Evidenz für Negativsymptome (Effektstärke 0,47 vs. Placebo), aber QTc-Verlängerung und Hyperprolaktinämie 3, 2
- Lurasidon und Brexpiprazol zeigen günstiges Nebenwirkungsprofil mit potenziellem Nutzen bei Negativsymptomen 2
Klinischer Entscheidungsalgorithmus
Bei Erstmanifestation ohne Komorbiditäten
- Beginnen Sie mit Risperidon 1,25-3,5 mg/Tag, Quetiapin 100-300 mg/Tag oder Aripiprazol 15-30 mg/Tag 1
- Vermeiden Sie Olanzapin und Clozapin als Erstlinie wegen metabolischer Risiken 1, 3
Bei akuter Agitation/schwerer Psychose
- Olanzapin 10-20 mg/Tag oder Haloperidol zeigen schnellste Symptomkontrolle durch hohe D2-Blockade 4, 2
- Nach Stabilisierung (4-6 Wochen) Umstellung auf Substanz mit günstigerem Langzeitprofil erwägen 2
Bei metabolischem Risiko (Diabetes, Adipositas, Dyslipidämie)
- Erste Wahl: Aripiprazol, Lurasidon, Ziprasidon oder niedrig-dosiertes Amisulprid 8, 2
- Vermeiden: Clozapin, Olanzapin, konventionelle niedrigpotente Antipsychotika 8, 3
Bei Parkinson-Krankheit
- Erste Wahl: Quetiapin wegen minimaler nigrostriataler D2-Blockade 8, 7
- Alternativen: Clozapin (bei Therapieresistenz), Aripiprazol 8
Bei QTc-Verlängerung oder Herzinsuffizienz
- Vermeiden: Ziprasidon, Sertindol, Amisulprid, Clozapin, niedrigpotente konventionelle Antipsychotika 8, 3
- Bevorzugen: Aripiprazol, Lurasidon 8
Bei Prolaktin-sensitiven Patienten
- Höchstes Risiko: Paliperidon, Risperidon, Amisulprid (durch starke D2-Blockade im tuberoinfundibulären System) 3
- Niedrigstes Risiko: Aripiprazol, Quetiapin, Clozapin 7, 3
Häufige Fehler vermeiden
- Niemals vor 4 Wochen therapeutischer Dosis bei bestätigter Adhärenz wechseln – unzureichende Behandlungsdauer ist häufigster Grund für scheinbares Therapieversagen 1, 5
- Keine Antipsychotika-Polypharmazie außer nach Clozapin-Versuch – erhöht Nebenwirkungen ohne zusätzlichen Nutzen 5, 9
- Dosisreduktion vor Substanzwechsel bei tolerierbaren Nebenwirkungen – oft ausreichend zur Symptomkontrolle 9
- Anticholinergika nicht prophylaktisch bei niedrigpotenten oder atypischen Antipsychotika – nur bei manifesten EPS einsetzen 1, 9
Nebenwirkungsmanagement nach Rezeptorprofil
- EPS (durch D2-Blockade): Dosisreduktion, Wechsel zu Quetiapin/Aripiprazol, oder Anticholinergika 1, 9
- Akathisie: Betablocker, Anticholinergika, oder Dosisreduktion 1, 9
- Gewichtszunahme (H1-Blockade): Metformin adjuvant, Wechsel zu Aripiprazol/Lurasidon/Ziprasidon 1, 9
- Hyperprolaktinämie (D2-Blockade tuberoinfundibulär): Wechsel zu Aripiprazol oder Quetiapin 7, 3
- Sedierung (H1-Blockade): Dosisanpassung auf Nacht, oder Wechsel zu Aripiprazol/Amisulprid 7, 9