Sind episodische hohe Tryptasewerte ein Hinweis auf MCAS?
Episodische Erhöhungen der Tryptasewerte allein sind NICHT ausreichend für die Diagnose eines MCAS – es müssen gleichzeitig drei strenge Kriterien erfüllt sein: rezidivierende episodische Symptome in mindestens 2 Organsystemen, dokumentierte akute Mediatorerhöhungen bei mindestens 2 Gelegenheiten, und klinisches Ansprechen auf Mastzell-gerichtete Therapien. 1
Diagnostische Anforderungen für MCAS
Die Diagnose erfordert einen algorithmischen Ansatz mit allen drei Komponenten:
1. Klinische Kriterien (episodisch, nicht chronisch)
- Rezidivierende akute Episoden mit gleichzeitiger Beteiligung von ≥2 Organsystemen sind obligatorisch 1, 2
- Betroffene Systeme umfassen:
Wichtiger Fallstrick: Chronische oder persistierende Symptome sprechen GEGEN MCAS und weisen auf andere Diagnosen hin (z.B. chronische Urtikaria, funktionelle gastrointestinale Störungen, Asthma) 1
2. Laborkriterien (akute Erhöhung während Episoden)
- Baseline-Tryptase muss im asymptomatischen Zustand bestimmt werden, um den individuellen Referenzwert zu etablieren 1, 3, 4
- Akut-Tryptase sollte 1-4 Stunden nach Symptombeginn während einer Episode abgenommen werden 1, 3
- Diagnostischer Schwellenwert: Anstieg ≥20% über Baseline PLUS absoluter Anstieg ≥2 ng/mL 1, 3
- Diese Erhöhung muss bei mindestens 2 separaten Episoden dokumentiert werden 1, 4
Zusätzliche Mediatoren (wenn Tryptase schwer zu gewinnen oder negativ):
- 24-Stunden-Urin für N-Methylhistamin (nicht direktes Histamin!) 3, 5
- Leukotriene E4 im Urin (Peak 0-6 Stunden nach Episode) 1, 3
- 11β-Prostaglandin F2α im Urin (Peak 0-3 Stunden) 1, 3
3. Therapeutisches Ansprechen (obligatorisch)
- Klinische Besserung unter Mastzell-gerichteter Therapie ist ein diagnostisches Kriterium 1, 2, 4
- Therapieoptionen umfassen:
- Evaluationszeitraum: 2-6 Wochen vor Therapieeskalation 4
Differentialdiagnosen bei erhöhtem Tryptase
Chronisch erhöhte Baseline-Tryptase (nicht episodisch) deutet auf andere Erkrankungen hin:
- Systemische Mastozytose: Baseline-Tryptase >20 ng/mL bei 75% der Fälle 1
- Hereditäre α-Tryptasämie: Baseline-Tryptase >8 ng/mL durch TPSAB1-Genkopien 1, 6
- Chronische Nierenerkrankung, Adipositas, hämatologische Neoplasien 6
Wichtig: Chronisch erhöhte Tryptasewerte ohne episodische Symptome erfüllen NICHT die MCAS-Kriterien 1
Weiterführende Diagnostik bei Verdacht
Wenn die drei Hauptkriterien erfüllt sind:
- KIT D816V-Mutation im peripheren Blut (hochsensitive ASO-qPCR) zur Identifikation klonaler MCAS 2, 3
- TPSAB1-Kopienanzahl (Wangenabstrich) zum Nachweis hereditärer α-Tryptasämie 2, 3
- Knochenmarkbiopsie nur bei persistierender Baseline-Tryptase >20 ng/mL oder Verdacht auf systemische Mastozytose 1, 3
- Überweisung an Allergie-Spezialisten oder Mastzell-Zentrum nach Bestätigung 1, 2
Häufige diagnostische Fehler
- Überdiagnose: MCAS wird häufig fälschlicherweise diagnostiziert bei unspezifischen Symptomen, Einzelorganbeteiligung oder fehlender Mediatorerhöhung 4, 7
- Isolierte GI-Symptome: Ohne generalisierte Mastzellaktivierung eher funktionelle Störungen, POTS oder Motilitätsstörungen 1, 2
- Persistierende Symptome: Chronische Beschwerden zwischen Episoden sprechen gegen MCAS 1, 2
- Die tatsächliche Prävalenz von idiopathischem MCAS liegt bei nur 4% unter Patienten mit Verdacht auf Mastzellerkrankungen 8
Fazit: Episodische Tryptaseerhöhungen sind ein notwendiger, aber nicht hinreichender Befund für MCAS. Die Diagnose erfordert zwingend das Zusammentreffen aller drei Kriterien (klinisch, laborchemisch, therapeutisch) und den Ausschluss anderer Ursachen.