Aripiprazol und extrapyramidale Symptome (EPS)
Aripiprazol hat ein niedriges bis moderates EPS-Risiko, das dosisabhängig ist – bei Erwachsenen sollte die Dosis 10-15 mg/Tag nicht überschreiten, bei Kindern/Jugendlichen zeigt sich ein deutlich erhöhtes EPS-Risiko (25% vs. 7% Placebo), und bei älteren Patienten oder Patienten mit EPS-Vorgeschichte ist besondere Vorsicht geboten. 1, 2
EPS-Risikoprofil von Aripiprazol
Aripiprazol nimmt eine mittlere Position im EPS-Risikospektrum ein:
- Niedrigeres Risiko als: Haloperidol und andere hochpotente typische Antipsychotika sowie Risperidon 1, 3
- Höheres Risiko als: Clozapin, Quetiapin und Olanzapin, die das niedrigste EPS-Risiko aufweisen 1, 3
- Mechanismus: Die partielle D2-Agonist-Aktivität von Aripiprazol sollte theoretisch EPS reduzieren, jedoch zeigen epidemiologische Daten ein 5,38-fach erhöhtes EPS-Risiko im Vergleich zu Nicht-Anwendern 4, 5
Dosisabhängigkeit des EPS-Risikos
Die EPS-Inzidenz steigt deutlich mit der Dosis:
- Bei Erwachsenen: In Studien zeigte sich bei 30 mg/Tag keine zusätzliche therapeutische Wirkung, aber erhöhte EPS-Raten 2, 5
- Bei Jugendlichen (13-17 Jahre): Klare Dosis-Wirkungs-Beziehung mit EPS-Raten von 5% (Placebo), 13% (10 mg), 21,6% (30 mg) 2
- Epidemiologische Daten: Das Risiko steigt von OR 2,9 bei 2-3 Verschreibungen auf OR 8,64 bei >4 Verschreibungen 4
Spezifische EPS-Manifestationen
Akathisie (häufigste EPS-Form)
- Inzidenz: 8% bei Erwachsenen vs. 4% Placebo; 9% bei Jugendlichen vs. 6% Placebo 2
- Klinischer Verlauf: Meist mild und spricht auf Dosisreduktion an 6
- Prädiktoren: Höherer Schweregrad der Depression ist der Hauptprädiktor für behandlungsbedingte Akathisie 6
Parkinsonismus und Dystonie
- Parkinsonismus: 16,5% der Aripiprazol-Patienten entwickeln Symptome (Bradykinesie, Tremor, Rigidität) 7, 2
- Tremor: Häufiger in Langzeitstudien (8% vs. 2% Placebo in 26-Wochen-Studie), meist mild und von kurzer Dauer 2
- Dystonie: Kann auch bei niedrigen Dosen (5 mg) auftreten, besonders bei jungen Männern 8
Dyskinesie
- Tardive Dyskinesie: Sehr niedrige Rate (0,2%), vergleichbar mit Placebo 5
- Akute Dyskinesie: OR 8,50 im Vergleich zu Nicht-Anwendern 4
Hochrisikopopulationen
Kinder und Jugendliche
- Deutlich erhöhtes Risiko: 25% EPS-Rate (ohne Akathisie) vs. 7% Placebo 2
- Dosisabhängigkeit besonders ausgeprägt: Bei 30 mg/Tag entwickeln 21,6% Somnolenz und 21,6% EPS 2
- Junge Männer: Höchstes Risiko für akute Dystonie, die typischerweise in den ersten Tagen auftritt 1, 8
Ältere Patienten
- Erhöhtes Risiko für: Parkinsonismus und tardive Dyskinesie 1
- Besondere Vorsicht: Bei anticholinerger Behandlung wegen Risiko für Delir, Somnolenz und paradoxe Agitation 1, 3
Patienten mit EPS-Vorgeschichte
- Prophylaktische Antiparkinson-Mittel: Sollten nur in wirklich hochriskanten Situationen erwogen werden (z.B. junge Männer mit Dystonie-Vorgeschichte, paranoide Patienten mit Compliance-Problemen) 1
- Engmaschige Überwachung: Ist der prophylaktischen Medikation vorzuziehen 1
Management-Algorithmus
Primäre Präventionsstrategie
Niedrigste wirksame Dosis verwenden:
Langsame Dosistitration:
Regelmäßiges Monitoring:
Bei Auftreten von EPS
Erste Maßnahme: Dosisreduktion 1, 3
Zweite Maßnahme: Wechsel zu Antipsychotikum mit niedrigerem EPS-Risiko 1, 3
- Erste Wahl: Clozapin, Quetiapin oder Olanzapin 1, 3
- Clozapin: Niedrigstes EPS-Risiko, aber erfordert Blutbildkontrollen wegen Agranulozytose-Risiko (~1%) 1, 3
- Quetiapin/Olanzapin: Minimales EPS-Risiko ohne Blutbildmonitoring 1, 3
Dritte Maßnahme (nur als letztes Mittel): Anticholinergika 1, 3
Akutbehandlung spezifischer EPS
Akute Dystonie:
- Benztropin 1-2 mg IM/IV oder Diphenhydramin 12,5-25 mg für schnelle Linderung 1
- Besserung oft innerhalb von Minuten 1
Parkinsonismus:
Akathisie:
- Betablocker und Benzodiazepine können Linderung bieten 7
- Anticholinergika weniger konsistent wirksam als bei Dystonie/Parkinsonismus 1
Wichtige Fallstricke
Anticholinergika nicht routinemäßig verwenden
- Nur bei signifikanten Symptomen einsetzen, wenn Dosisreduktion und Wechselstrategien versagt haben 1, 3
- Nebenwirkungen: Delir, Somnolenz, paradoxe Agitation (besonders bei älteren Patienten) 1, 3
- Reevaluierung: Bedarf nach akuter Phase oder bei Antipsychotika-Dosisreduktion überprüfen, da viele Patienten sie langfristig nicht mehr benötigen 1
Antipsychotika-Polypharmazie vermeiden
- Erhöht EPS-Risiko ohne klaren zusätzlichen Nutzen 1, 3
- Vor Eskalation der anticholinergen Therapie sollte das Antipsychotika-Regime vereinfacht werden 1
Niedrige Dosen können trotzdem EPS verursachen
- Selbst 5 mg Aripiprazol können bei Kindern EPS auslösen 8
- Auch bei therapeutischen Dosen ist sorgfältige Überwachung erforderlich 8, 9