Antibiotika bei Bronchitis: Keine routinemäßige Verschreibung empfohlen
Bei akuter Bronchitis sollten Antibiotika grundsätzlich nicht verschrieben werden, da 89-95% der Fälle viral bedingt sind und Antibiotika die Hustendauer nur um etwa einen halben Tag verkürzen, während sie gleichzeitig Nebenwirkungen verursachen und zur Resistenzentwicklung beitragen. 1, 2
Warum keine Antibiotika?
Virale Ätiologie dominiert
- Respiratorische Viren verursachen 89-95% aller akuten Bronchitis-Fälle bei ansonsten gesunden Erwachsenen 1, 2
- Nur 5-10% der Fälle werden durch bakterielle Erreger verursacht (Bordetella pertussis, Mycoplasma pneumoniae, Chlamydophila pneumoniae) 1
- Typische bekapselte Bakterien wie Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae oder Moraxella catarrhalis verursachen keine akute Bronchitis bei Erwachsenen ohne vorbestehende Lungenerkrankung 1
Minimaler Nutzen, erhebliche Risiken
- Antibiotika verkürzen die Hustendauer um nur etwa 0,5 Tage (ca. 12 Stunden) 2, 3, 4
- Gleichzeitig erhöhen sie das Risiko für Nebenwirkungen um 20% (RR 1,20; 95% KI 1,05-1,36) 2, 3
- Häufige Nebenwirkungen: Durchfall, Hautausschlag, Übelkeit, Erbrechen, Vaginalmykosen 5, 4
- Die FDA hat 1998 die unkomplizierte akute Bronchitis aus den zugelassenen Indikationen für Antibiotika gestrichen 3
Häufige diagnostische Fallstricke vermeiden
Purulentes Sputum ist KEIN Indikator für bakterielle Infektion
- Grün-gelbes Sputum tritt bei 89-95% der viralen Bronchitis auf und rechtfertigt keine Antibiotikagabe 1, 2, 6
- Die Verfärbung entsteht durch Entzündungszellen und abgeschilferte Epithelzellen, nicht durch Bakterien 1
Hustendauer allein rechtfertigt keine Antibiotika
- Viraler Husten dauert typischerweise 10-14 Tage und kann bis zu 3 Wochen anhalten 1, 2, 7, 8
- Die Dauer des Hustens ist kein zuverlässiger Marker für eine bakterielle Infektion 2, 6, 3
Pneumonie ausschließen – entscheidender erster Schritt
Vor der Diagnose "akute Bronchitis" müssen Sie eine Pneumonie ausschließen. Überprüfen Sie alle folgenden Parameter: 1, 2, 7
- Herzfrequenz > 100/min
- Atemfrequenz > 24/min
- Orale Temperatur > 38°C
- Abnorme Lungenbefunde (Rasselgeräusche, Egophonie, verstärkter Stimmfremitus)
Wenn auch nur EINER dieser Befunde vorliegt, führen Sie eine Röntgen-Thorax-Untersuchung durch, um eine Pneumonie auszuschließen. 1, 2, 3, 7
Die EINE Ausnahme: Pertussis (Keuchhusten)
Wenn Pertussis bestätigt oder stark vermutet wird, verschreiben Sie sofort ein Makrolid-Antibiotikum (Azithromycin oder Erythromycin). 1, 2, 3
Wann an Pertussis denken?
- Paroxysmaler Husten mit inspiratorischem "Whoop"
- Post-tussives Erbrechen
- Husten > 2 Wochen
- Bekannte Exposition während eines Ausbruchs 2
Behandlungsziele bei Pertussis
- Isolierung des Patienten für 5 Tage ab Therapiebeginn 1, 2
- Frühe Behandlung (innerhalb der ersten Wochen) reduziert Hustenparoxysmen und verhindert Übertragung 1, 2, 3
Symptomatische Behandlung – was tatsächlich hilft
Empfohlene Maßnahmen
- Antitussiva (Codein oder Dextromethorphan) bei störendem trockenem Husten, besonders nachts – bieten moderate Linderung 2, 8
- Kurzwirksame β₂-Agonisten (z.B. Albuterol/Salbutamol) nur bei Patienten mit begleitendem Giemen 2, 8
- Umgebungsmaßnahmen: Entfernung von Hustenreizen (Staub, Allergene) und Luftbefeuchtung 2
NICHT empfohlen
- Expektorantien, Mukolytika, Antihistaminika 2
- Inhalative oder orale Kortikosteroide 2
- NSAIDs in antientzündlicher Dosierung 2
Patientenkommunikation – der Schlüssel zur Zufriedenheit
Die Patientenzufriedenheit hängt mehr von der Qualität der Arzt-Patienten-Kommunikation ab als von der Verschreibung eines Antibiotikums. 1, 2, 9, 7
Wichtige Gesprächspunkte
- Erklären Sie, dass der Husten typischerweise 10-14 Tage anhält, möglicherweise bis zu 3 Wochen 1, 2, 7, 8
- Bezeichnen Sie die Erkrankung als "Erkältung der Atemwege" statt "Bronchitis" – dies reduziert die Erwartung an Antibiotika 1, 2
- Betonen Sie, dass Antibiotika die Krankheitsdauer nicht verkürzen und Nebenwirkungen verursachen können 2, 3
- Personalisieren Sie das Risiko: Frühere Antibiotikaeinnahme erhöht die Besiedlung mit resistenten Bakterien 1, 2
Wann Wiedervorstellung erforderlich ist
Weisen Sie Patienten an, sich erneut vorzustellen, wenn: 2, 6
- Fieber > 38°C länger als 3 Tage anhält – deutet auf bakterielle Superinfektion oder Pneumonie hin
- Husten länger als 3 Wochen anhält – andere Diagnosen erwägen (Asthma, COPD, Pertussis, gastroösophagealer Reflux)
- Symptome sich verschlechtern statt allmählich zu bessern
Sonderpopulation: COPD-Exazerbation (NICHT unkomplizierte Bronchitis)
Diese Empfehlungen gelten nur für ansonsten gesunde Erwachsene. Patienten mit COPD, chronischer Bronchitis, Herzinsuffizienz oder Immunsuppression benötigen einen anderen Ansatz. 2, 6
Bei COPD-Exazerbation Antibiotika erwägen, wenn:
- Mindestens 2 der 3 Anthonisen-Kriterien erfüllt sind: 6, 3
- Zunahme der Dyspnoe
- Zunahme des Sputumvolumens
- Zunahme der Sputumpurulenz
Empfohlene Antibiotika bei COPD-Exazerbation
- Unkomplizierte Fälle: Amoxicillin, Makrolide oder Doxycyclin für 5-8 Tage 6
- Komplizierte Fälle (FEV₁ < 35%, häufige Exazerbationen): Amoxicillin-Clavulansäure, Cephalosporine der 2./3. Generation oder Fluorchinolone für 7-10 Tage 6
Zusammenfassung des Algorithmus
- Pneumonie ausschließen (Vitalzeichen, Lungenauskultation) → bei Auffälligkeiten Röntgen-Thorax 1, 2, 7
- Pertussis erwägen → bei Verdacht sofort Makrolid verschreiben 1, 2, 3
- Bei unkomplizierter akuter Bronchitis: KEINE Antibiotika 1, 2
- Symptomatische Behandlung anbieten (Antitussiva bei Bedarf, Umgebungsmaßnahmen) 2, 8
- Patientenaufklärung über erwartete Dauer (10-14 Tage) und Wiedervorstellungskriterien 1, 2, 7