Untersuchungen bei arterieller Hypertonie
Bei arterieller Hypertonie sollten Sie mit Routinelabortests, einem 12-Kanal-EKG und gezielter Diagnostik bei Verdacht auf sekundäre Ursachen beginnen. 1
Basisuntersuchungen für alle Hypertoniker
Laboruntersuchungen (Routinetests)
- Hämoglobin und/oder Hämatokrit zur Erkennung von Anämie oder hämatologischen Störungen 1, 2
- Nüchternblutzucker zur Identifizierung von Diabetes mellitus, der das kardiovaskuläre Risiko erheblich erhöht 1, 2
- Lipidprofil (Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyzeride) zur kardiovaskulären Risikostratifizierung 1, 2
- Serum-Natrium und -Kalium – eine spontane oder diuretikainduzierte Hypokaliämie weist stark auf primären Hyperaldosteronismus hin 1, 3
- Serum-Harnsäure als Teil der initialen Evaluation 1
- Serum-Kreatinin mit Berechnung der eGFR zur Beurteilung der Nierenfunktion und Erkennung chronischer Nierenerkrankungen 1
- Urinanalyse mit mikroskopischer Untersuchung und Proteinnachweis mittels Teststreifen 1
- Urin-Albumin-Kreatinin-Verhältnis (nicht nur Teststreifen) – sensitiver für frühe Nierenschädigung und kardiovaskuläres Risiko 1, 2
Kardiale Basisdiagnostik
- 12-Kanal-EKG bei allen Hypertonikern zur Erkennung von linksventrikulärer Hypertrophie, Arrhythmien (insbesondere Vorhofflimmern) und ischämischer Herzkrankheit 1
- Die Sensitivität des EKG für LVH ist zwar gering, aber LVH nach Sokolow-Lyon-Index (SV1 + RV5 >3,5 mV) oder Cornell-Voltage-QRS-Dauer-Produkt (>244 mV*ms) ist ein unabhängiger Prädiktor für kardiovaskuläre Ereignisse 1
Blutdruckmessung und Bestätigung der Diagnose
Praxismessung
- Mindestens zwei Messungen pro Besuch und mindestens zwei Besuche zur Diagnosestellung 1
- Die Praxismessung bleibt der Goldstandard für Screening und Diagnose 1
Außerhalb der Praxis (Out-of-Office)
- Ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung (ABPM) oder Heimblutdruckmessung (HBPM) sollten zur Bestätigung der Diagnose, Identifizierung des Hypertonietyps und Maximierung der kardiovaskulären Risikovorhersage erwogen werden 1
- ABPM gilt derzeit als Referenzmethode für Out-of-Office-Messungen mit dem zusätzlichen Vorteil nächtlicher Blutdruckwerte 1
- HBPM ist für die Primärversorgung und Langzeitnachsorge besser geeignet 1
Klinische Indikationen für Out-of-Office-Messungen: 1
- Verdacht auf Weißkittelhypertonie
- Verdacht auf maskierte Hypertonie
- Beurteilung des Dipping-Status
- Verdacht auf nächtliche Hypertonie (z.B. bei Schlafapnoe, chronischer Nierenerkrankung, Diabetes)
- Beurteilung der Blutdruckvariabilität
Körperliche Untersuchung – gezielte Befunde
Hinweise auf sekundäre Hypertonie
- Radio-femorale Pulsverzögerung – Aortenisthmusstenose 1, 3
- Abdominelle Strömungsgeräusche – renovaskuläre Hypertonie 1, 3
- Tastbar vergrößerte Nieren – polyzystische Nierenerkrankung 1
- Cushing-Merkmale: zentrale Adipositas, breite violette Striae, Vollmondgesicht, Büffelnacken 1, 3
- Halsumfang >40 cm – obstruktive Schlafapnoe 1, 3
- Vergrößerte Schilddrüse – Schilddrüsenerkrankungen 1, 3
Zeichen von Organschäden
- Herzfrequenz in Ruhe – erhöhte Herzfrequenz zeigt erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen 1
- Pulspalpation zur Erkennung von Arrhythmien, insbesondere Vorhofflimmern 1
- Fundoskopie bei Blutdruck >180/110 mmHg zur Beurteilung retinaler Veränderungen, Blutungen, Papillenödem 1
Erweiterte Diagnostik bei Verdacht auf sekundäre Hypertonie
Die ESC-Leitlinien 2024 empfehlen (Klasse IIa) die Messung des Aldosteron-Renin-Verhältnisses bei allen Erwachsenen mit bestätigter Hypertonie – dies stellt einen Paradigmenwechsel vom traditionellen selektiven Screening dar. 3, 4
Klinische Hinweise für sekundäre Hypertonie
- Alter bei Beginn <30 Jahre (oder <40 Jahre nach ESC 2024) 3, 4, 5
- Resistente Hypertonie (>140/90 mmHg trotz optimaler Dosen von ≥3 Antihypertensiva einschließlich Diuretikum) 3, 4, 5
- Plötzlicher Beginn oder plötzliche Verschlechterung zuvor kontrollierter Hypertonie 3, 4, 5
- Schwere Hypertonie (systolisch >180 mmHg oder diastolisch >110 mmHg) oder hypertensiver Notfall 3, 4
- Organschäden unverhältnismäßig zur Dauer oder Schwere der Hypertonie 3, 4
Gezielte Untersuchungen nach Ursache
Primärer Hyperaldosteronismus (8-20% der resistenten Hypertonie): 3, 4
- Aldosteron-Renin-Verhältnis als Screening-Test
- Bestätigungstests: intravenöser Kochsalz-Suppressionstest oder oraler Natrium-Belastungstest
- CT der Nebennieren zur Lokalisation
- Nebennierenvenensampling bei geplanter Operation
Renovaskuläre Erkrankung: 1, 3, 4
- Nieren-Duplex-Doppler-Ultraschall als initiale nicht-invasive Untersuchung
- CT- oder MR-Angiographie zur Bestätigung
- 24-Stunden-Urin-Metanephrine oder Plasma-freie Metanephrine
- Abdominale/Nebennieren-Bildgebung nach biochemischer Bestätigung
- Typische Symptome: episodisches Schwitzen, Palpitationen, Kopfschmerzen, labile Hypertonie
Obstruktive Schlafapnoe (25-50% der resistenten Hypertonie): 1, 3, 4
- Polysomnographie bei Schnarchen, Tagesmüdigkeit, Adipositas
- Non-Dipping-Muster in der 24-Stunden-Blutdruckmessung
- Spätnächtlicher Speichelkortisol oder 24-Stunden-Urin-freies Kortisol
Bildgebende Verfahren (bei Indikation)
- Echokardiographie bei EKG-Auffälligkeiten oder kardialen Symptomen – zur Beurteilung von LVH, systolischer/diastolischer Dysfunktion, Vorhofdilatation 1, 2
- Karotis-Ultraschall zur Beurteilung von Plaques und Stenosen 1
- Nieren-/Nierenarterien-Bildgebung bei Verdacht auf renovaskuläre Erkrankung 1
Häufige Fallstricke
- Medikamenteninduzierte Hypertonie muss vor umfangreicher Diagnostik ausgeschlossen werden – NSAIDs, Dekongestiva, orale Kontrazeptiva, Glukokortikoide, Cyclosporin können alle Hypertonie verursachen 3, 4
- Medikamenten-Non-Adhärenz ist eine häufige Ursache scheinbar resistenter Hypertonie – explizit nach ausgelassenen Dosen, Nebenwirkungen und Kostenbarrieren fragen 3
- Weißkittelhypertonie tritt bei 20-30% der Patienten mit scheinbar resistenter Hypertonie auf – ambulante oder Heimblutdruckmessung zur Bestätigung verwenden 3
- Nicht nur Urin-Teststreifen verwenden – immer quantitatives Albumin-Kreatinin-Verhältnis bestimmen 2
Überweisung zum Spezialisten
Eine Überweisung ist indiziert bei: 3, 4
- Positiven Screening-Tests, die Bestätigungstests erfordern
- Komplexen Fällen, die spezialisierte Verfahren benötigen (z.B. Nebennierenvenensampling)
- Erwägung chirurgischer Intervention (z.B. unilaterale Adrenalektomie)
- Persistierend unkontrolliertem Blutdruck trotz optimaler medikamentöser Therapie