Diagnostik und Therapie bei hypertensiver Entgleisung
Definition und Klassifikation
Eine hypertensive Entgleisung mit Blutdruckwerten >180/120 mmHg erfordert die sofortige Unterscheidung zwischen hypertensivem Notfall (mit akuter Organschädigung) und hypertensiver Dringlichkeit (ohne Organschädigung), da diese Unterscheidung – nicht der absolute Blutdruckwert – die Behandlungsstrategie bestimmt. 1
- Ein hypertensiver Notfall liegt vor bei Blutdruck >180/120 mmHg mit akuter Zielorganschädigung und erfordert sofortige Intensivaufnahme mit intravenöser Therapie 1
- Eine hypertensive Dringlichkeit liegt vor bei Blutdruck >180/120 mmHg ohne akute Organschädigung und kann ambulant mit oralen Antihypertensiva behandelt werden 1
- Unbehandelt beträgt die 1-Jahres-Mortalität bei hypertensiven Notfällen >79% mit einer medianen Überlebenszeit von nur 10,4 Monaten 1
Sofortige klinische Beurteilung auf akute Organschädigung
Führen Sie innerhalb von Minuten eine fokussierte Untersuchung durch, um akute Zielorganschäden zu identifizieren oder auszuschließen:
Neurologische Zeichen 1
- Bewusstseinsstörungen, Somnolenz, Verwirrtheit (hypertensive Enzephalopathie)
- Schwere Kopfschmerzen mit Erbrechen
- Sehstörungen, kortikale Blindheit
- Krampfanfälle oder fokale neurologische Defizite
- Akuter Schlaganfall (ischämisch oder hämorrhagisch)
Kardiale Zeichen 1
- Thoraxschmerzen (akutes Koronarsyndrom, instabile Angina)
- Akute Dyspnoe mit Lungenödem (akute Linksherzinsuffizienz)
- Plötzlicher schwerer Thorax- oder Rückenschmerz (Aortendissektion)
Renale Zeichen 1
- Akuter Kreatininanstieg, Oligurie
- Neu aufgetretene Proteinurie
- Thrombotische Mikroangiopathie (Thrombozytopenie, erhöhte LDH, erniedrigtes Haptoglobin)
Ophthalmologische Zeichen (maligne Hypertonie) 1
- Fundoskopie ist obligat: Bilaterale Netzhautblutungen, Cotton-Wool-Herde oder Papillenödem (Grad III-IV Retinopathie)
- Eine isolierte Subkonjunktivalblutung stellt keine akute Organschädigung dar 1
Obstetrische Zeichen 1
- Schwere Präeklampsie oder Eklampsie (bis 42 Tage postpartal)
Diagnostisches Labor-Panel
Bei Verdacht auf hypertensiven Notfall sofort folgende Untersuchungen durchführen: 1
- Blutbild: Hämoglobin, Thrombozyten (mikroangiopathische hämolytische Anämie)
- Nierenparameter: Kreatinin, Harnstoff, Natrium, Kalium
- Hämolyse-Marker: LDH, Haptoglobin (thrombotische Mikroangiopathie)
- Urinanalyse: Proteinurie, Urinsediment
- Kardiale Marker: Troponin bei Thoraxschmerzen
- EKG: Zeichen von Linksherzbelastung oder Ischämie
- Bei neurologischen Symptomen: Sofortiges Schädel-CT (Blutung, Infarkt, Ödem)
Therapie des hypertensiven Notfalls (mit Organschädigung)
Sofortmaßnahmen 1
- Intensivstation-Aufnahme mit kontinuierlicher arterieller Blutdruckmessung (Klasse I Empfehlung)
- Intravenöse Antihypertensiva-Therapie unverzüglich beginnen
Blutdrucksenkungsziele (ohne zwingende Indikationen) 1
- Erste Stunde: Mittleren arteriellen Druck um 20-25% senken (oder systolisch maximal 25%)
- Stunden 2-6: Auf ≤160/100 mmHg senken, wenn Patient stabil bleibt
- Stunden 24-48: Vorsichtige Normalisierung
- Vermeiden Sie systolische Abfälle >70 mmHg, da diese zerebrale, renale oder koronare Ischämie auslösen können, besonders bei chronischer Hypertonie mit veränderter Autoregulation
Spezifische Blutdruckziele bei zwingenden Indikationen 1
| Klinische Situation | Ziel-RR | Zeitrahmen |
|---|---|---|
| Aortendissektion | Systolisch <120 mmHg | Innerhalb 20 Minuten |
| Schwere Präeklampsie/Eklampsie oder Phäochromozytom | Systolisch <140 mmHg | Innerhalb 1 Stunde |
| Akutes Koronarsyndrom oder Lungenödem | Systolisch <140 mmHg | Sofort |
| Akute intrazerebrale Blutung (RR ≥220 mmHg) | Systolisch 140-180 mmHg | Innerhalb 6 Stunden |
| Akuter ischämischer Schlaganfall (RR >220/120) | MAP-Reduktion um 15% | Innerhalb 1 Stunde |
Intravenöse Erstlinien-Medikamente 1
Nicardipine (bevorzugt für die meisten Notfälle außer akuter Herzinsuffizienz):
- Start: 5 mg/h IV-Infusion
- Titration: Alle 15 Minuten um 2,5 mg/h erhöhen
- Maximum: 15 mg/h
- Vorteil: Erhält zerebralen Blutfluss, erhöht nicht den intrakraniellen Druck, vorhersagbare Titration
- Wirkungseintritt: 5-15 Minuten; Wirkdauer: 30-40 Minuten
Labetalol (bevorzugt bei Aortendissektion, Eklampsie, maligner Hypertonie mit Nierenbeteiligung):
- Bolus: 10-20 mg IV über 1-2 Minuten, alle 10 Minuten wiederholen/verdoppeln (max. kumulativ 300 mg)
- Alternativ: Dauerinfusion 2-8 mg/min
- Kontraindikationen: Reaktive Atemwegserkrankung, COPD, Herzblock, Bradykardie, dekompensierte Herzinsuffizienz
Clevidipine (Alternative mit sehr schneller Titration):
- Start: 1-2 mg/h IV
- Titration: Alle 90 Sekunden verdoppeln bis Ziel-RR erreicht, dann alle 5-10 Minuten <2-fach erhöhen
- Maximum: 32 mg/h
Zustandsspezifische Therapie 1
- Akutes Koronarsyndrom/Lungenödem: Nitroglycerin IV 5-100 µg/min ± Labetalol; Nicardipine als Monotherapie vermeiden (Reflextachykardie)
- Aortendissektion: Esmolol-Loading 500-1000 µg/kg, dann Infusion 50-200 µg/kg/min vor jedem Vasodilatator; dann Nitroprussid oder Nitroglycerin hinzufügen
- Eklampsie/Präeklampsie: Labetalol, Hydralazin oder Nicardipine; ACE-Hemmer, ARBs und Nitroprussid sind absolut kontraindiziert
- Hypertensive Enzephalopathie: Nicardipine bevorzugt (erhält zerebralen Blutfluss); Labetalol als Alternative
Therapie der hypertensiven Dringlichkeit (ohne Organschädigung)
Eine Hospitalisierung ist nicht erforderlich; intravenöse Medikamente sind nicht indiziert. 1
Blutdrucksenkungsstrategie 1
- Erste 24-48 Stunden: Graduell auf <160/100 mmHg senken
- Folgewochen: Ziel <130/80 mmHg erreichen
- Schnelle Senkung vermeiden, da diese bei chronischer Hypertonie zerebrale, renale oder koronare Ischämie auslösen kann
- Etwa ein Drittel der Patienten normalisiert den Blutdruck spontan vor der Nachkontrolle 1
Bevorzugte orale Medikamente 1
- Captopril 12,5-25 mg oral (Vorsicht bei Volumenmangel – Risiko plötzlicher RR-Abfälle)
- Retardiertes Nifedipin 30-60 mg oral (niemals kurzwirksames Nifedipin – Risiko für unkontrollierte Abfälle, Schlaganfall, Tod)
- Labetalol 200-400 mg oral (kontraindiziert bei reaktiver Atemwegserkrankung, Herzblock, Bradykardie)
Nachsorge 1
- Ambulante Kontrolle innerhalb 2-4 Wochen
- Beobachtung für mindestens 2 Stunden nach Medikamentengabe
- Monatliche Kontrollen bis Ziel-RR <130/80 mmHg erreicht ist
Kritische Fehler vermeiden
- Keine Aufnahme bei asymptomatischer schwerer Hypertonie ohne Organschädigung 1
- Keine intravenösen Medikamente bei hypertensiver Dringlichkeit – nur bei Notfall 1
- Niemals kurzwirksames Nifedipin verwenden (unvorhersagbare Abfälle, Schlaganfall, Tod) 1
- Keine schnelle Senkung bei Dringlichkeit – Risiko für Hypoperfusionsschäden 1
- Keine akute Normalisierung bei chronischer Hypertonie – veränderte Autoregulation prädisponiert zu ischämischen Schäden 1
- Natriumnitroprussid nur als letztes Mittel (Zyanidtoxizität bei >30 min oder ≥4 µg/kg/min) 1
Nachstabilisierung und Sekundärhypertonie-Screening
- 20-40% der Patienten mit maligner Hypertonie haben identifizierbare sekundäre Ursachen: Nierenarterienstenose, Phäochromozytom, primärer Hyperaldosteronismus, Nierenparenchymerkrankung 1
- Medikamenten-Non-Adhärenz ist der häufigste Auslöser hypertensiver Entgleisungen 1
- Nach Stabilisierung: Übergang auf orale Kombinationstherapie (RAS-Blocker + Kalziumkanalblocker + Diuretikum) 1
- Monatliche Nachkontrollen bis Ziel-RR erreicht und Organschäden regrediert sind 1