Diagnostische Untersuchungen bei Diarrhoe
Die Wahl der diagnostischen Untersuchungen bei Diarrhoe richtet sich nach Schweregrad, Dauer, klinischen Warnsymptomen und dem Immunstatus des Patienten – nicht alle Patienten benötigen umfangreiche Diagnostik.
Akute Diarrhoe (< 4 Wochen)
Klinische Beurteilung
- Vitalzeichen im Liegen und Stehen, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Hautturgor und trockene Schleimhäute zur Beurteilung des Dehydratationsgrades 1
- Körpertemperatur messen, da Fieber auf bakterielle Infektion hinweist 1
- Abdominelle Auskultation auf hyperaktive, normale oder fehlende Darmgeräusche 1
- Palpation auf lokalisierte oder generalisierte Druckschmerzhaftigkeit und Abwehrspannung (Peritonitis-Zeichen) 1
- Rektale Untersuchung zum Ausschluss perianaler Abszesse und zur Detektion von Blut oder Schleim im Stuhl 1
Indikationen für Stuhldiagnostik
Stuhluntersuchungen sind nur bei folgenden Patienten indiziert 1:
- Fieber oder blutige Diarrhoe (Test auf Salmonellen, Shigellen, Campylobacter, Yersinia, C. difficile, STEC) 1
- Schwere abdominelle Krämpfe oder Druckschmerz 1
- Zeichen einer Sepsis 1
- Schwere Dehydratation 1
- Immunsuppression 1
- Antibiotika-Anamnese (C. difficile-Test) 1
- Verdacht auf nosokomiale Infektion oder Ausbruch 1
Spezifische Stuhluntersuchungen bei akuter Diarrhoe
- Stuhlkultur auf Salmonellen, Shigellen, Campylobacter bei fieberhafter oder blutiger Diarrhoe 1
- STEC-Diagnostik: Shiga-Toxin-Nachweis (oder Gene) mit Unterscheidung E. coli O157:H7 von anderen STEC 1
- C. difficile-Test bei Antibiotika-Anamnese oder nosokomialer Diarrhoe (ein einzelner Stuhl ausreichend) 1
- Yersinia enterocolitica bei persistierenden Bauchschmerzen, besonders bei Schulkindern mit rechtsseitigen Schmerzen 1
- Vibrio-Spezies bei reiswasserartigen Stühlen oder Exposition zu Salzwasser/rohen Meeresfrüchten 1
Blutuntersuchungen bei akuter Diarrhoe
- Blutkulturen bei 1:
- Säuglingen < 3 Monate
- Sepsis-Zeichen
- Verdacht auf enterisches Fieber
- Immunsuppression
- Hämolytischer Anämie
- Reiseanamnese in Endemiegebiete mit Fieber
Chronische Diarrhoe (≥ 4 Wochen)
Initiale Blutuntersuchungen
Obligate Screening-Tests mit hoher Spezifität für organische Erkrankungen 2, 3:
- Großes Blutbild (Anämie, Leukozytose) 2, 3
- C-reaktives Protein (CRP) 2, 3
- Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) 2, 3
- IgA-Gewebetransglutaminase-Antikörper mit Gesamt-IgA (obligat zum Zöliakie-Ausschluss) 1, 2, 3
Die Zöliakie-Serologie ist bei chronischer Diarrhoe zwingend erforderlich, da Zöliakie bei 3-10% der Patienten mit chronischer Diarrhoe in der Sekundärversorgung vorliegt 1. Bei IgA-Mangel müssen IgG-basierte Tests verwendet werden 1.
Initiale Stuhluntersuchungen
Obligate Stuhltests 2:
- Fäkales Calprotectin oder Lactoferrin (bevorzugt gegenüber Serum-Entzündungsmarkern für IBD-Screening) 2
- Giardia-Antigen-Test (Sensitivität und Spezifität > 95%) 2
- Okkultes Blut im Stuhl (Basis-Screening) 2
Erweiterte Diagnostik bei chronischer Diarrhoe
Mikrobiologische Untersuchungen 1:
- Drei frische Stuhlproben auf Ova, Zysten und Parasiten (Sensitivität 60-90% für Protozoen) 1
- Giardia-ELISA bei Verdacht trotz negativer Mikroskopie (92% Sensitivität, 98% Spezifität) 1
- C. difficile-Test bei Antibiotika-Anamnese in den letzten 8-12 Wochen 1
Bei Reisediarrhoe ≥ 14 Tage: Untersuchung auf intestinale Parasiten 1
Indikationen für Endoskopie
Koloskopie mit Biopsien ist indiziert bei Alarmsymptomen 2, 4:
- Unerklärlicher Gewichtsverlust
- Blut im Stuhl
- Nächtliche Diarrhoe
- Fieber
- Alter > 50 Jahre
Biopsien aus rechtem und linkem Kolon (nicht rektal) zum Ausschluss mikroskopischer Kolitis 1
Duodenalbiopsie bei positiver Zöliakie-Serologie zur definitiven Diagnose vor Therapiebeginn 1
Immunsupprimierte Patienten
Breites diagnostisches Spektrum erforderlich 1:
- Stuhlkultur, virologische Untersuchungen, Parasiten-Nachweis 1
- Bei AIDS mit persistierender Diarrhoe zusätzlich: Cryptosporidium, Cyclospora, Cystoisospora, Mikrosporidien, Mycobacterium avium complex, Cytomegalovirus 1
Onkologische Patienten
Niedrigere Schwelle für Labor- und Bildgebung bei kompromittierten Patienten 1:
- Laborchemie: Elektrolyte, Nierenfunktion, Leberwerte 1
- Mikrobiologie: C. difficile-Test bei Antibiotika-Exposition 1
- Bildgebung: Bei schwerem oder persistierendem Verlauf, Fieber, Neutropenie, Hämatochezie 1
Wichtige Fallstricke
- Keine routinemäßige Stuhldiagnostik bei milder, wässriger akuter Diarrhoe ohne Warnsymptome 1, 4, 5
- Keine Zöliakie-Testung nach Beginn einer glutenfreien Diät (falsch-negative Ergebnisse) 1
- Keine Laxanzien-Screenings ohne klinischen Verdacht auf faktitielle Diarrhoe 2
- Keine serologischen Tests zur Diagnose enterischen Fiebers (Kulturen bevorzugen) 1
- Multiplex-PCR-Panels: Vorsichtige Interpretation, da DNA-Nachweis nicht zwingend viable Organismen bedeutet 1
- Funktionelle Störungen (Reizdarmsyndrom) können klinisch mit Rom-Kriterien diagnostiziert werden, wenn initiale Tests negativ sind 2, 3