Diagnostische Untersuchungen bei Eisenmangelanämie und Alkoholabusus
Bei Patienten mit Eisenmangelanämie und chronischem Alkoholabusus sollte eine bidirektionale Endoskopie (Gastroskopie und Koloskopie) durchgeführt werden, ergänzt durch spezifische Laboruntersuchungen zur Differenzierung zwischen echtem Eisenmangel und alkoholbedingten Veränderungen des Eisenstoffwechsels. 1
Initiale Labordiagnostik
Die Basisuntersuchungen müssen folgende Parameter umfassen:
- Blutbild mit Erythrozytenindizes: MCV (mittleres korpuskuläres Volumen), MCH (mittleres korpuskuläres Hämoglobin), und RDW (Erythrozytenverteilungsbreite) 1
- Retikulozytenzahl: Zur Beurteilung der Knochenmarksantwort 1
- Serumferritin: Der wichtigste Einzelparameter für Eisenmangel 1
- Transferrinsättigung: Besonders wichtig bei Alkoholabusus 1
- CRP: Zur Beurteilung von Entzündungen, die Ferritin beeinflussen können 1
Besonderheiten bei Alkoholabusus
Makrozytose kann bei Alkoholabusus auftreten und einen gleichzeitig bestehenden Eisenmangel maskieren. 1 Ein erhöhter RDW kann in dieser Situation auf Eisenmangel hinweisen, auch wenn das MCV normal erscheint 1.
Vitamin B12 und Folsäure sollten bestimmt werden, da Makrozytose bei Alkoholabusus auch durch Vitaminmangel verursacht werden kann 1. Allerdings zeigen neuere Studien, dass Vitamin-B12- und Folsäuremangel bei Alkoholabhängigen seltener sind als früher angenommen 2.
Interpretation der Eisenparameter bei Alkoholabusus
Die Ferritin-Grenzwerte müssen im Kontext des Alkoholabusus interpretiert werden:
- Ohne Entzündungszeichen: Ferritin <30 μg/L spricht für Eisenmangel 1
- Bei Entzündung: Ferritin bis 100 μg/L kann noch mit Eisenmangel vereinbar sein 1
- Ferritin >100 μg/L: Eisenmangel ist unwahrscheinlich, außer bei funktionellem Eisenmangel 1
Cave: Alkoholabusus führt häufig zu erhöhten Ferritinwerten und erhöhter intestinaler Eisenabsorption, was die Diagnose eines echten Eisenmangels erschwert. 3, 4 Bei Alkoholabhängigen werden absolute Ferritin- und lösliche Transferrinrezeptor-Werte oft erhöht gefunden 2. Eisenüberladung tritt bei etwa 9% der Alkoholabhängigen auf 2.
Gastrointestinale Diagnostik
Die gastrointestinale Abklärung ist bei bestätigter Eisenmangelanämie obligat, auch bei Alkoholabusus. 1
Endoskopische Untersuchungen
Gastroskopie mit Dünndarmbiopsien:
- Sollte primär durchgeführt werden und findet bei 30-50% der Patienten eine Ursache 1
- Dünndarmbiopsien sind obligat zum Ausschluss einer Zöliakie, die bei 2-3% der Patienten mit Eisenmangelanämie vorliegt 1
- Alternativ: Zöliakie-Serologie (Anti-Endomysium-Antikörper oder Gewebstransglutaminase-Antikörper) 1
Koloskopie:
- Muss auch bei positivem Gastroskopie-Befund durchgeführt werden, da 10-15% der Patienten Doppelpathologien aufweisen 1
- Bei Männern und postmenopausalen Frauen: starke Empfehlung 1
- Alternative bei Kontraindikationen: CT-Kolonographie 1
Helicobacter pylori-Testung
Nicht-invasive H. pylori-Testung sollte durchgeführt werden, da eine Eradikation die Eisenmangelanämie verbessern kann 1.
Erweiterte Diagnostik
Bei negativer bidirektionaler Endoskopie und persistierender oder rezidivierender Anämie:
- Kapselendoskopie: Methode der Wahl zur Dünndarmuntersuchung 1
- Urinuntersuchung: Zum Ausschluss renaler Blutungsquellen 1
- CT/MR-Enterographie: Komplementär zur Kapselendoskopie bei entzündlichen oder neoplastischen Dünndarmerkrankungen 1
Häufige Fallstricke bei Alkoholabusus
NSAID-Gebrauch muss aktiv erfragt werden, da Alkoholabhängige häufig Analgetika einnehmen, die gastrointestinale Blutungen verursachen können 1. Diese sollten nach Möglichkeit abgesetzt werden 1.
Ernährungsanamnese ist wichtig, aber ein Ernährungsmangel allein rechtfertigt nicht den Verzicht auf gastrointestinale Diagnostik 1.
Makrozytose durch Alkohol kann Mikrozytose durch Eisenmangel maskieren, sodass ein normales MCV einen Eisenmangel nicht ausschließt 1. In dieser Situation ist der RDW besonders hilfreich 1.
Therapeutisches Ansprechen als diagnostisches Kriterium
Ein Hämoglobinanstieg von ≥10 g/L innerhalb von 2 Wochen nach Eisensubstitution bestätigt einen absoluten Eisenmangel, auch wenn die Eisenparameter mehrdeutig waren 1. Bei fehlendem Ansprechen müssen Malabsorption, fortgesetzte Blutung oder eine übersehene Läsion in Betracht gezogen werden 5.