Wahrscheinliche Diagnose und empfohlenes Vorgehen
Bei einer Patientin mit 6-monatigem Fieber, ausgeprägter Fatigue, hEDS, ADHS, grenzwertigem POTS, hochpositivem ANA (1:1280 feingesprenkelt), negativem ENA-Panel und Komplementverbrauch (niedriges C3/C4) muss primär eine systemische Autoimmunerkrankung – insbesondere systemischer Lupus erythematodes (SLE) – ausgeschlossen werden, gefolgt von der Abklärung einer Still-Krankheit (Adult-Onset Still's Disease) und chronisch-aktiver Epstein-Barr-Virus-Infektion (CAEBV).
Differentialdiagnostische Überlegungen
Systemischer Lupus Erythematodes (SLE)
- Die Kombination aus hochpositivem ANA (1:1280), Komplementverbrauch (niedriges C3/C4) und persistierendem Fieber erfüllt wichtige SLE-Kriterien 1
- Der feingesprenkelte ANA-Muster ist typisch für SLE, auch wenn das ENA-Panel negativ ist 2
- Bei hEDS-Patienten werden ANA-Positivität und feingesprenkelte Muster häufig beobachtet (72,97% der ANA-positiven hEDS-Patienten ohne systemische Autoimmunerkrankung zeigen feingesprenkelte Muster), jedoch ist der Komplementverbrauch bei isoliertem hEDS ungewöhnlich und spricht für eine echte systemische Autoimmunerkrankung 2
- Neuere Forschung zeigt, dass hEDS-Patienten eine systemische Immundysregulation mit Komplementsystem-Beteiligung aufweisen können (signifikante Reduktionen von C3, C8A, C8B, C9), was die diagnostische Abgrenzung erschwert 3
Still-Krankheit (Adult-Onset Still's Disease)
- Persistierendes Fieber ≥39°C über mindestens 7 Tage, ausgeprägte Fatigue und erhöhte Entzündungsparameter sind charakteristisch 1
- Die Still-Krankheit präsentiert sich typischerweise mit Fieber, Hautausschlag (lachsfarben, transient, oft mit Fieberspitzen koinzidierend), Arthralgien/Myalgien und hohen Entzündungswerten (neutrophile Leukozytose, erhöhtes CRP, Ferritin) 1
- Wichtiger Hinweis: Das Fehlen eines typischen Hautausschlags schließt die Diagnose nicht aus, da dieser transient sein kann 1
Chronisch-aktive EBV-Infektion (CAEBV)
- CAEBV sollte bei persistierendem Fieber über 6 Monate mit Fatigue, Lymphadenopathie und erhöhten EBV-Antikörpertitern (VCA-IgG, EA) in Betracht gezogen werden 1
- Die Diagnose erfordert persistierende oder rezidivierende infektiöse Mononukleose-ähnliche Symptome über mindestens 3 Monate 1
Komorbidität hEDS und Dysautonomie
- Die Kombination aus hEDS, POTS und ADHS ist gut dokumentiert; POTS tritt bei 67% der Long-COVID-Patienten auf und ist häufig mit hEDS assoziiert 1
- Kardiovaskuläre autonome Dysfunktion ist bei hEDS häufig und trägt zur Lebensqualitätseinschränkung bei 4
- Wichtig: Die autonomen Symptome erklären nicht das persistierende Fieber oder den Komplementverbrauch 4
Empfohlenes diagnostisches Vorgehen
Sofortige Laboruntersuchungen (innerhalb 24-48 Stunden)
- Komplettes Blutbild mit Differentialblutbild: Suche nach Leukopenie, Thrombozytopenie, Anämie (typisch für SLE und Still-Krankheit) 1, 5
- Entzündungsparameter: BSG, CRP, Ferritin (stark erhöht bei Still-Krankheit, oft >5-fach oberer Normwert), Procalcitonin 1
- Erweiterte Autoantikörper-Diagnostik:
- Anti-dsDNA-Antikörper (hochspezifisch für SLE) 6
- Anti-Sm-Antikörper (hochspezifisch für SLE, auch wenn ENA negativ)
- Antiphospholipid-Antikörper (Lupus-Antikoagulans, Anti-Cardiolipin, Anti-β2-Glykoprotein-I)
- Anti-Histone-Antikörper (bei medikamenteninduziertem Lupus)
- Komplementfaktoren: C3, C4, CH50 (bereits erniedrigt – Verlaufskontrolle erforderlich) 6
- Leberwerte, Nierenfunktion, Urinstatus mit Mikroskopie: Suche nach Proteinurie, Hämaturie, Zylinder (Lupusnephritis) 1
Spezifische Marker für Still-Krankheit
- Serum-Ferritin mit glykosyliertem Ferritin-Anteil: Bei Still-Krankheit ist Ferritin massiv erhöht (oft >1000 ng/ml) mit niedrigem glykosyliertem Anteil (<20%) 1
- IL-18 und S100-Proteine (z.B. Calprotectin): Stark erhöht bei Still-Krankheit und unterstützen die Diagnose erheblich 1
- Neutrophile Leukozytose: Typisch für Still-Krankheit 1
Infektionsausschluss
- Mindestens 3 Sätze Blutkulturen aus verschiedenen Entnahmestellen vor Antibiotikagabe: Essentiell zum Ausschluss einer okkulten Bakteriämie oder Endokarditis 7, 8
- EBV-Serologie: VCA-IgM, VCA-IgG, EBNA-IgG, EA-IgG (erhöhte EA-Titer sprechen für CAEBV) 1
- HIV-Test, Hepatitis B/C-Serologie: Obligatorisch bei Fieber unklarer Genese 1
- Tuberkulose-Screening: QuantiFERON-Test oder Tuberkulin-Hauttest, insbesondere bei Risikofaktoren 7
- Zeckenübertragene Erkrankungen: Borrelia burgdorferi, Anaplasma phagocytophilum, Ehrlichia chaffeensis (falls Zeckenexposition möglich) 1, 7
Bildgebung
- Thorax-Röntgen: Ausschluss Tuberkulose, atypische Infektionen, Lymphom 7
- Transthorakale Echokardiographie (TTE): Ausschluss Endokarditis bei persistierendem Fieber 7
- Bei negativem TTE und hohem klinischem Verdacht: Transösophageale Echokardiographie (TEE) 7
- Abdomensonographie: Hepatosplenomegalie, Lymphadenopathie 1
Erweiterte Diagnostik bei unklarem Befund
- FDG-PET/CT: Wenn initiale Abklärung unauffällig bleibt, zum Ausschluss okkulter Malignome, Vaskulitis oder Infektionsherde 7
- Knochenmarkbiopsie: Bei persistierenden Zytopenien oder Verdacht auf hämatologische Malignität 5
- Lymphknotenbiopsie: Bei persistierender Lymphadenopathie zum Ausschluss Lymphom 1
Therapeutisches Management
Vor definitiver Diagnose
- Keine empirische Antibiotikatherapie bei hämodynamisch stabiler Patientin ohne Sepsis-Zeichen, da dies die Diagnostik verschleiert 7, 8
- Symptomatische Therapie: Antipyretika (Paracetamol bevorzugt, NSAIDs mit Vorsicht bei möglicher Nierenbeteiligung)
- Hydratation und Elektrolytausgleich: Besonders wichtig bei POTS 4
Bei bestätigtem SLE
- Hydroxychloroquin 200-400 mg/Tag: Basistherapie für alle SLE-Patienten 6
- Glukokortikoide: Initial Prednisolon 0,5-1 mg/kg/Tag bei aktiver Erkrankung, mit Ausschleichplan 6
- Bei schwerem/refraktärem SLE: Belimumab (BLyS-Inhibitor) 10 mg/kg i.v. an Tag 0,14,28, dann alle 28 Tage oder 200 mg s.c. wöchentlich 6
- Ziel: Klinisch inaktive Erkrankung (keine SLE-Symptome, normale BSG/CRP) innerhalb von 3 Monaten 1
Bei bestätigter Still-Krankheit
- IL-1-Inhibitor (Anakinra) oder IL-6-Inhibitor sollten so früh wie möglich nach Diagnosestellung initiiert werden, um prolongierte systemische Glukokortikoid-Gabe zu vermeiden 1
- Therapieziele:
- Tag 7: Fieberfreiheit, CRP-Reduktion >50%
- Woche 4: Kein Fieber, CRP normalisiert
- Monat 3: Klinisch inaktive Erkrankung mit Glukokortikoiden <0,1-0,2 mg/kg/Tag
- Monat 6: Klinisch inaktive Erkrankung ohne Glukokortikoide 1
- Wichtig: Aktives Screening auf Makrophagen-Aktivierungssyndrom (MAS) bei persistierendem Fieber, Splenomegalie, steigendem Ferritin, inadäquat niedrigen Zellzahlen 1
Bei bestätigter CAEBV
- Keine etablierte antivirale Standardtherapie; supportive Maßnahmen 1
- Bei schwerem Verlauf: Erwägung von Immunsuppression oder hämatopoetischer Stammzelltransplantation 1
Kritische Fallstricke
- ANA-Positivität bei hEDS ist häufig (bis zu 45% der hEDS-Patienten), aber Komplementverbrauch ist ungewöhnlich und spricht für eine echte systemische Autoimmunerkrankung 2, 3
- Negatives ENA-Panel schließt SLE nicht aus; Anti-dsDNA und Anti-Sm können trotzdem positiv sein 2
- Normale Leukozyten schließen schwere bakterielle Infektion bei Autoimmunpatienten nicht aus; Differentialblutbild mit Linksverschiebung beachten 8
- Still-Krankheit kann ohne typischen Hautausschlag auftreten; Ferritin und IL-18 sind entscheidende Marker 1
- Bei hEDS-Patienten mit POTS können autonome Symptome (Tachykardie, Fatigue) die Beurteilung erschweren, erklären aber nicht Fieber oder Komplementverbrauch 4
- Keine Antibiotika vor Blutkulturen bei hämodynamisch stabiler Patientin 7, 8
Monitoring und Verlaufskontrolle
- Wöchentliche Kontrollen in den ersten 4 Wochen: Klinische Symptome, Temperatur, Blutbild, CRP, BSG 1
- Monatliche Kontrollen: Komplementfaktoren (C3, C4), Anti-dsDNA, Urinstatus 6
- Alle 6-12 Monate: Urinanalyse auf Proteinurie (AA-Amyloidose-Screening bei chronischer Entzündung) 1
- Interdisziplinäre Betreuung: Rheumatologie, Immunologie, ggf. Infektiologie, Kardiologie (POTS-Management) 1, 4