Therapeutische Konsequenz bei Kalknachweis im CCTA bei beschwerdefreiem Patienten mit LDL <50 mg/dL
Bei einem klinisch beschwerdefreien Patienten mit bereits optimal eingestelltem LDL-Cholesterin unter 50 mg/dL hat ein positiver Kalkscore im CCTA in der Regel keine therapeutische Konsequenz bezüglich der Lipidtherapie, sollte aber zu einer Intensivierung der nicht-lipidbasierten Risikofaktormodifikation führen.
Primäre Überlegungen zur Lipidtherapie
Der Patient befindet sich bereits unter aggressiver Statintherapie mit einem LDL-Cholesterin deutlich unter allen Zielwerten:
- Das LDL-C von <50 mg/dL liegt weit unter dem Schwellenwert von 70 mg/dL, bei dem selbst bei hohem Kalkscore (CAC ≥100) die Number Needed to Treat für weitere LDL-Senkung auf 64 steigt 1.
- Bei bereits optimal behandelten Lipidwerten bietet eine weitere LDL-Senkung keinen zusätzlichen Nutzen, da die Statintherapie bereits maximal ausgeschöpft ist 1.
- Die Evidenz für zusätzliche lipidsenkende Therapie bei LDL <50 mg/dL ist nicht etabliert, selbst bei nachgewiesener Atherosklerose 1.
Interpretation des Kalknachweises
Der Kalknachweis im CCTA hat dennoch prognostische Bedeutung:
- Jeder messbare Kalkscore >0 zeigt das Vorhandensein von Atherosklerose und erhöht das kardiovaskuläre Risiko inkrementell über Null hinaus 2.
- Ein Kalkscore von 1-99 bedeutet eine Risikoerhöhung, die bei intermediärem Risiko eine 10-Jahres-ASCVD-Rate von 7,4% zeigt (versus 1,5% bei CAC=0) 1.
- Bei CAC 100-400 liegt das 10-Jahres-Risiko bei 10-20%, und bei CAC >400 übersteigt es 20% 2.
Therapeutische Konsequenzen
Was NICHT geändert werden sollte:
- Keine Intensivierung der Statintherapie bei bereits erreichtem LDL <50 mg/dL, da kein zusätzlicher Benefit zu erwarten ist 1.
- Keine Indikation für zusätzliche lipidsenkende Medikamente (Ezetimib, PCSK9-Inhibitoren) bei diesem LDL-Wert 1.
Was intensiviert werden sollte:
- Blutdruckkontrolle: Zielwert <130/80 mmHg bei nachgewiesener Atherosklerose 2.
- Thrombozytenaggregationshemmung: Erwägung von niedrig dosiertem Aspirin, insbesondere bei CAC >100 oder >75. Perzentile für Alter/Geschlecht 2.
- Lebensstilmodifikation: Verstärkte Betonung von Rauchstopp, körperlicher Aktivität, Gewichtsreduktion und mediterraner Ernährung 1.
- Diabeteseinstellung: Falls vorhanden, optimale glykämische Kontrolle 1.
Verlaufskontrolle
- Wiederholung des Kalkscores in 3-5 Jahren kann sinnvoll sein, um Progression zu beurteilen, wobei die Interpretation durch die Statintherapie beeinflusst wird (Statine können paradoxerweise Kalzifizierung erhöhen) 1.
- Funktionelle Testung (Belastungstest, Myokardperfusionsszintigraphie) ist nur bei CAC >400 oder bei Entwicklung von Symptomen indiziert 2.
Wichtige Einschränkungen
- Der Kalkscore reflektiert die Gesamtatheroskleroselast, nicht den Stenosegrad, da nur etwa 20% der Atherosklerose kalzifiziert ist und arterielle Remodellierung oft die Lumenweite erhält 2.
- Bei symptomatischen Patienten schließt CAC=0 keine obstruktive KHK aus (3,5% haben ≥50% Stenose), aber dieser Patient ist asymptomatisch 2.
- Die "Garantiezeit" eines CAC=0 verkürzt sich mit Alter und Risikofaktoren, aber bei bereits positivem Score ist dies nicht relevant 2.
Praktischer Algorithmus
- LDL-C <50 mg/dL bestätigen → Statintherapie beibehalten, nicht intensivieren
- Blutdruck überprüfen → Ziel <130/80 mmHg
- Aspirin erwägen → Besonders bei CAC >100
- Nicht-lipidbasierte Risikofaktoren optimieren → Diabetes, Rauchen, Bewegung
- Keine funktionelle Testung → Außer bei CAC >400 oder Symptomen
- Verlaufskontrolle → Kalkscore-Wiederholung in 3-5 Jahren erwägen