Durchschnittliche Dauer der stationären Behandlung bei mittelgradiger Depression
Die durchschnittliche stationäre Behandlungsdauer bei mittelgradiger Depression ohne psychotische Symptome beträgt in Deutschland zwischen 36 und 64 Tagen, wobei die Mehrzahl der Patienten nach etwa 6-8 Wochen entlassen wird. 1
Evidenz zur Aufenthaltsdauer
Eine deutsche Multicenterstudie mit über 2000 depressiven Patienten in 10 Kliniken zeigte erhebliche Unterschiede zwischen den Einrichtungen:
- Die kürzeste durchschnittliche Verweildauer betrug 36,8 Tage, während die längste bei 64,3 Tagen lag 1
- Diese Variabilität erklärt sich nur zu einem kleinen Teil (7%) durch patientenbezogene Faktoren wie Schweregrad, soziale Funktionseinschränkungen oder rezidivierende Verläufe 1
- Patienten mit rezidivierender depressiver Störung, stärkeren sozialen Funktionseinschränkungen und höherem Schweregrad benötigen längere stationäre Aufenthalte 1
Internationale Vergleichsdaten
Amerikanische Studien zeigen deutlich kürzere Aufenthalte:
- In den USA sank die durchschnittliche Verweildauer zwischen 1988 und 1996 von 26,5 Tagen auf 8,3 Tage 2
- Patienten mit sehr kurzen Aufenthalten (≈8 Tage) zeigten bei Entlassung höhere Residualsymptome und niedrigere globale Funktionsfähigkeit als Patienten mit längeren Aufenthalten 2
- Ein Monat nach Entlassung persistierten bei der Kurzaufenthaltsgruppe signifikant niedrigere Funktionsniveaus 2
Klinische Implikationen für die Entlassungsplanung
Wichtige Prädiktoren für längere stationäre Aufenthalte:
- Rezidivierende depressive Störung (nicht erste Episode) 1
- Ausgeprägte Einschränkungen der sozialen Funktionsfähigkeit 1
- Höherer Schweregrad der depressiven Symptomatik 1
- Komorbide körperliche Erkrankungen (verlängern die Verweildauer um durchschnittlich 3,4 Tage) 3
Faktoren, die kürzere Aufenthalte ermöglichen:
- Krisenintervention als primäre Indikation für die stationäre Aufnahme 1
- Vorausgegangener Suizidversuch (paradoxerweise mit kürzerer Verweildauer assoziiert, möglicherweise durch intensivere Nachsorgeplanung) 1
Häufige Fallstricke
- Die erhebliche Variabilität zwischen Kliniken (36-64 Tage) ist primär systembedingt, nicht durch Patientencharakteristika erklärbar – dies unterstreicht die Bedeutung klinikübergreifender Qualitätsstandards 1
- Zu frühe Entlassungen (< 2 Wochen) führen zu höheren Residualsymptomen und schlechterer globaler Funktionsfähigkeit im ersten Monat nach Entlassung 2
- Bei komorbiden körperlichen Erkrankungen muss mit einer Verlängerung um etwa 20-40% der Standardverweildauer gerechnet werden 3