PR-Intervall von 90 ms bei einem 14-Jährigen
Ein PR-Intervall von 90 ms bei einem 14-Jährigen liegt unterhalb der normalen Untergrenze von 120 ms und ist abnormal – dies kann auf ein Wolff-Parkinson-White (WPW) Syndrom hinweisen und erfordert eine sorgfältige EKG-Analyse auf weitere Präexzitationszeichen. 1, 2
Beurteilung des PR-Intervalls
- Ein PR-Intervall unter 120 ms (0,12 Sekunden) gilt als verkürzt und ist ein Hauptkriterium für ventrikuläre Präexzitation. 1, 2
- Bei einem 14-Jährigen gelten die gleichen PR-Intervall-Kriterien wie bei Erwachsenen – ein Intervall von 90 ms ist definitiv pathologisch kurz. 1
Diagnostische Kriterien für WPW-Syndrom
Für die Diagnose eines WPW-Syndroms müssen folgende EKG-Merkmale vorliegen:
- PR-Intervall < 120 ms (bei diesem Patienten erfüllt mit 90 ms) 1, 2
- Delta-Welle: Eine Verschleifung des initialen Anteils des QRS-Komplexes 1, 2
- Verbreiterter QRS-Komplex: Gesamtdauer > 120 ms bei Erwachsenen, > 100 ms bei Kindern zwischen 4-16 Jahren 3, 1
- Sekundäre Repolarisationsveränderungen: ST-Strecken- und T-Wellen-Veränderungen, die typischerweise diskordant zur Delta-Welle verlaufen 1
Klinischer Algorithmus zur weiteren Abklärung
Schritt 1: Detaillierte EKG-Analyse
- Suchen Sie gezielt nach einer Delta-Welle (Verschleifung des initialen QRS-Anteils) in allen 12 Ableitungen. 1, 2
- Messen Sie die QRS-Dauer – bei einem 14-Jährigen ist > 100 ms verlängert. 3
- Beurteilen Sie ST-Strecken und T-Wellen auf diskordante Veränderungen. 1
Schritt 2: Symptomabklärung
- Fragen Sie nach Palpitationen, Synkopen, Präsynkopen oder Brustschmerzen – diese können auf paroxysmale supraventrikuläre Tachykardien hinweisen. 1, 2
- Erheben Sie eine Familienanamnese bezüglich plötzlichem Herztod. 4
- Beachten Sie: Die Mehrheit der Patienten mit Präexzitationssyndromen bleibt asymptomatisch, aber symptomatische Patienten haben ein Risiko für lebensbedrohliche Arrhythmien. 1
Schritt 3: Risikostratifizierung
- Bei bestätigtem WPW-Syndrom (kurzes PR + Delta-Welle + breiter QRS): Überweisung zur elektrophysiologischen Untersuchung (EPS), auch bei asymptomatischen Patienten, zur Beurteilung der Leitungseigenschaften der akzessorischen Bahn. 4
- Besonders wichtig: Tachyarrhythmien mit Frequenzen > 200/min sollten an WPW denken lassen. 2
- Eine effektive Refraktärperiode der akzessorischen Bahn (APERP) < 250 ms gilt als Hochrisiko für plötzlichen Herztod. 4
Wichtige Fallstricke
- Intermittierende Präexzitation: In seltenen Fällen zeigt das EKG nicht immer die klassischen WPW-Zeichen – ein EKG nach Terminierung einer Tachykardie kann diagnostisch sein. 5
- Verwechslung mit Leitungsstörungen: WPW kann Schenkelblockbilder oder andere Leitungsstörungen imitieren, was die Diagnose erschwert. 6
- Normale Varianten bei Kindern: Ein RSR'-Muster in V1/V2 mit normaler QRS-Dauer ist bei Kindern eine Normvariante und sollte nicht mit WPW verwechselt werden. 3, 7
Therapeutische Konsequenzen
- Bei instabilen Tachyarrhythmien ist Kardioversion indiziert. 2
- Procainamid ist das sicherste Medikament bei stabilen WPW-Patienten mit Tachyarrhythmien. 2
- Verapamil ist bei WPW mit Vorhofflimmern kontraindiziert, da es die Überleitung über die akzessorische Bahn beschleunigen und zu Kammerflimmern führen kann. 2
- Die definitive Therapie ist die Katheterablation der akzessorischen Bahn nach elektrophysiologischer Untersuchung. 4
Zusammenfassend: Ein PR-Intervall von 90 ms bei einem 14-Jährigen ist abnormal und erfordert die sofortige Suche nach weiteren WPW-Kriterien im EKG sowie eine kardiologische Vorstellung zur Risikostratifizierung, unabhängig vom Symptomstatus. 1, 4