Durchschnittliche Dauer der stationären Therapie bei mittelgradiger Depression
Die durchschnittliche stationäre Behandlungsdauer bei mittelgradiger Depression ohne psychotische Symptome beträgt in der klinischen Praxis 8 bis 26 Tage, wobei moderne Versorgungsstandards kürzere Aufenthalte von 8–20 Tagen bevorzugen.
Evidenz zur Aufenthaltsdauer
Eine US-amerikanische Studie dokumentierte einen signifikanten Rückgang der stationären Verweildauer bei depressiven Patienten von 26,5 Tagen (1988) über 19,5 Tage auf 8,3 Tage (1996) 1.
Eine deutsche Multicenterstudie mit über 2.000 depressiven Patienten zeigte erhebliche Unterschiede zwischen Kliniken: Die durchschnittliche Verweildauer bei depressiven Episoden variierte zwischen 36,8 und 64,3 Tagen 2.
Die Verweildauer wird durch mehrere Faktoren beeinflusst: rezidivierende depressive Störungen, Schweregrad der Depression und Beeinträchtigung der sozialen Funktionsfähigkeit verlängern den Aufenthalt, während Krisenintervention als Indikation und vorherige Suizidversuche zu kürzeren Aufenthalten führen 2.
Klinische Auswirkungen kürzerer Aufenthalte
Patienten mit sehr kurzen Aufenthalten (8,3 Tage) zeigten bei Entlassung höhere Residualsymptome der Depression und niedrigere globale Funktionswerte im Vergleich zu längeren Aufenthalten 1.
Ein Monat nach Entlassung wiesen Patienten der kürzesten Aufenthaltsgruppe weiterhin niedrigere globale Funktionsfähigkeit und geringere Arbeitsfunktion auf, obwohl die Wiederaufnahmeraten gleich blieben 1.
Die Verbesserung während sehr kurzer stationärer Aufenthalte ist in vielen Funktionsbereichen mit längeren Aufenthalten vergleichbar, jedoch zeigen schneller entlassene Patienten signifikant höhere Residualsymptome 1.
Ambulante Behandlungsdauer als Referenz
Die mediane Episodendauer bei Major Depression beträgt 6 Monate, die mittlere Dauer 10,7 Monate, wobei 12% der Patienten nach 36 Monaten noch nicht remittiert sind 3.
Ohne antidepressive Therapie dauern depressive Episoden durchschnittlich 5–6 Monate, wobei ein Viertel der unbehandelten Episoden länger als 2 Jahre andauern kann 4.
Wichtige klinische Überlegungen
Komorbidität verlängert den Aufenthalt erheblich: Depressive Patienten mit begleitenden körperlichen Erkrankungen hatten eine signifikant längere Verweildauer (20,08 Tage) im Vergleich zu Patienten ohne körperliche Diagnosen (11,48 Tage) 5.
Die Varianz der Verweildauer zwischen Kliniken wird nur zu einem kleinen Teil (7%) durch Unterschiede im Case-Mix erklärt; der Großteil der Unterschiede ist auf klinikspezifische Behandlungskonzepte zurückzuführen 2.
Moderne Behandlungsstandards empfehlen eine Beurteilung des therapeutischen Ansprechens innerhalb von 6–8 Wochen, wobei bei unzureichendem Ansprechen eine Behandlungsmodifikation erfolgen sollte 6.
Häufige Fallstricke
Zu frühe Entlassung: Patienten, die nach sehr kurzen Aufenthalten (< 10 Tage) entlassen werden, haben ein höheres Risiko für anhaltende Funktionsbeeinträchtigungen in der unmittelbaren Zeit nach der Entlassung 1.
Übersehen körperlicher Komorbiditäten: Depressive Patienten können körperliche Erkrankungen durch depressionsgenerierte körperliche Beschwerden maskieren, was die Verweildauer verlängert 5.
Die stationäre Behandlung sollte nicht isoliert betrachtet werden, sondern als Teil eines Gesamtbehandlungsplans, der eine Fortsetzung der Therapie für 4–9 Monate nach zufriedenstellendem Ansprechen vorsieht 6.