Hormonersatztherapie nach Ovarektomie bei hormonrezeptorpositivem Endometriumkarzinom
Nein, eine Hormonersatztherapie (HRT) sollte nach bilateraler Ovarektomie bei Östrogenrezeptor-positivem/Progesteronrezeptor-positivem Endometriumkarzinom nicht eingeleitet werden – dies gilt als absolute Kontraindikation.
Warum HRT kontraindiziert ist
Die vorliegenden Leitlinien sind eindeutig:
- Endometriumkarzinom wird als absolute Kontraindikation für eine Hormonersatztherapie aufgeführt, insbesondere bei hormonrezeptorpositiven Tumoren 1, 2.
- Die Evidenz aus den ESMO-ESGO-ESTRO-Leitlinien zeigt, dass hormonrezeptorpositive Endometriumkarzinome auf Hormontherapie ansprechen – dies bedeutet, dass exogene Hormone das Tumorwachstum stimulieren können 3.
- Bei fortgeschrittenem oder rezidivierendem hormonrezeptorpositivem Endometriumkarzinom wird Hormontherapie (Gestagene) gezielt als Tumortherapie eingesetzt, was die biologische Aktivität dieser Hormone auf den Tumor bestätigt 3.
Wichtiger Unterschied: Therapeutische vs. Ersatztherapie
Es ist entscheidend zu verstehen, dass die Leitlinien zwei völlig unterschiedliche Szenarien beschreiben:
Therapeutische Hormontherapie (Gestagene)
- Bei fortgeschrittenem/rezidivierendem hormonrezeptorpositivem Endometriumkarzinom sind Gestagene (MPA 200 mg oder MA 160 mg) die bevorzugte Erstlinientherapie für Grad 1-2 Tumoren ohne rasch progrediente Erkrankung 3.
- Die Ansprechrate beträgt bei ER/PR-positiven Tumoren 25-37%, verglichen mit nur 7-8% bei rezeptornegativen Tumoren 3.
- Dies ist eine palliative Krebsbehandlung, keine symptomatische Hormonersatztherapie 3.
Hormonersatztherapie (Östrogen ± Gestagen)
- HRT zur Behandlung menopausaler Symptome ist bei Endometriumkarzinom kontraindiziert, da Östrogene das Tumorwachstum fördern können 1, 2, 4.
- Selbst bei frühen Stadien (I-II) wird HRT nur "ausnahmsweise" und nach ausführlicher Risikoaufklärung erwogen – dies gilt jedoch für niedriggradige, rezeptornegative Tumoren mit niedrigem Rezidivrisiko 3, 2.
Spezifische Risikofaktoren bei dieser Patientin
Bei einer Patientin mit ER+/PR+ Endometriumkarzinom bestehen besondere Bedenken:
- Die Hormonrezeptorpositivität ist ein prädiktiver Faktor für Ansprechen auf endokrine Therapie – dies bedeutet, dass der Tumor hormonsensitiv ist 3.
- Exogene Östrogene könnten mikroskopische Resttumorzellen oder okkulte Metastasen stimulieren 2, 4.
- Die bilaterale Ovarektomie wurde vermutlich durchgeführt, um die endogene Östrogenproduktion zu eliminieren – eine HRT würde diesen therapeutischen Effekt konterkarieren 1.
Empfohlene Alternativen für menopausale Symptome
Für die Behandlung vasomotorischer Symptome nach Ovarektomie stehen wirksame nicht-hormonale Optionen zur Verfügung:
Pharmakologische Erstlinienoptionen
- Gabapentin 900 mg abends reduziert Hitzewallungen um 46% (vs. 15% Placebo) und ist besonders wirksam bei nächtlichen Symptomen 1.
- Venlafaxin 37,5-75 mg täglich reduziert Hitzewallungen um 37-61% mit rascherem Wirkungseintritt als Gabapentin 1.
- Paroxetin 7,5 mg täglich ist ebenfalls wirksam, sollte aber bei Patientinnen unter Tamoxifen vermieden werden (CYP2D6-Interaktion) 1.
Nicht-pharmakologische Ansätze
- Akupunktur zeigt in Studien Äquivalenz oder Überlegenheit gegenüber Venlafaxin oder Gabapentin 1.
- Gewichtsreduktion ≥10% des Körpergewichts kann Hitzewallungen vollständig eliminieren 1.
- Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) reduziert die wahrgenommene Belastung durch Hitzewallungen 1.
Ausnahmesituationen (sehr selten)
Die Leitlinien erwähnen theoretische Ausnahmen, die jedoch bei dieser Patientin nicht zutreffen:
- HRT könnte bei Patientinnen mit niedrigem Rezidivrisiko (Stadium IA, Grad 1, ER-negativ) nach 6-12 Monaten Wartezeit erwogen werden – dies gilt jedoch nicht für ER+/PR+ Tumoren 3.
- Bei fortgeschrittenem Brustkrebs oder schweren Symptomen kann Östrogen nach vollständiger Risikoaufklärung diskutiert werden – dies ist jedoch eine Analogie aus der Brustkrebsbehandlung und nicht auf Endometriumkarzinom übertragbar 1.
Klinische Fallstricke
- Verwechseln Sie nicht die therapeutische Gestagentherapie bei rezidivierendem Endometriumkarzinom mit HRT – dies sind völlig unterschiedliche Indikationen 3.
- Die Tatsache, dass Gestagene therapeutisch eingesetzt werden, bedeutet nicht, dass Östrogen-HRT sicher ist – im Gegenteil, sie bestätigt die Hormonsensitivität des Tumors 3, 2.
- Bei Patientinnen mit endometrialen Stromasarkomen (ESS) ist HRT ebenfalls kontraindiziert, da diese Tumoren hochgradig östrogenabhängig sind 3.
Praktisches Vorgehen
Für diese Patientin mit ER+/PR+ Endometriumkarzinom nach bilateraler Ovarektomie:
- Keine Hormonersatztherapie einleiten 1, 2.
- Gabapentin 900 mg abends als Erstlinientherapie für vasomotorische Symptome beginnen 1.
- Bei unzureichendem Ansprechen nach 4-6 Wochen auf Venlafaxin 37,5-75 mg täglich umstellen 1.
- Akupunktur, Gewichtsreduktion und CBT als adjuvante Maßnahmen empfehlen 1.
- Regelmäßige onkologische Nachsorge gemäß Leitlinien durchführen 3.