Traumafokussierte Psychotherapie bei schwerer Depression: Sofortiger Beginn empfohlen
Traumafokussierte Psychotherapie kann und sollte bei Patienten mit schwerer depressiver Symptomatik sofort begonnen werden, ohne eine vorherige Stabilisierungsphase abzuwarten. 1, 2
Evidenzbasierte Begründung für sofortigen Therapiebeginn
Die aktuellen Leitlinien zeigen eindeutig, dass eine schwere Depression keine Kontraindikation für traumafokussierte Therapie darstellt:
- Depressive Symptome verbessern sich parallel zur PTBS-Behandlung, ohne dass separate Interventionen für die Depression erforderlich sind. 1, 2
- Die Schwere der depressiven Symptomatik zu Behandlungsbeginn beeinflusst nicht das Ansprechen auf traumafokussierte Psychotherapie. 1
- Patienten mit schweren Komorbiditäten, einschließlich Major Depression, profitieren von traumafokussierten Behandlungen ohne Hinweise auf iatrogene Effekte. 1
Spezifische Behandlungsempfehlungen
Erste Wahl: Traumafokussierte Psychotherapie
Die folgenden Verfahren sollten innerhalb von 2 Wochen nach Erstkontakt begonnen werden 2:
- Prolonged Exposure (PE): 9-15 wöchentliche Sitzungen führen dazu, dass 40-87% der Patienten die PTBS-Kriterien nicht mehr erfüllen. 1, 2
- Cognitive Processing Therapy (CPT): 12-17 wöchentliche Sitzungen mit großen Effektstärken bei Trauma- und depressiven Symptomen. 1
- Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR): Vergleichbare Wirksamkeit zu PE und CPT, besonders geeignet wenn expositionsbasierte Ansätze nicht toleriert werden. 1, 2
Evidenz bei behandlungsresistenter Depression
Eine randomisierte kontrollierte Studie von 2019 untersuchte spezifisch Patienten mit behandlungsresistenter Depression (TRD):
- EMDR und traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-CBT) führten zu signifikanter Verbesserung der depressiven Symptomatik bei allen TRD-Patienten. 3
- EMDR zeigte niedrigere Depressionswerte als TF-CBT beim Follow-up nach 12 Wochen, dieser Effekt blieb teilweise nach 24 Wochen erhalten. 3
- Die Behandlung umfasste 3 Einzelsitzungen pro Woche über 8 Wochen. 3
Eine Meta-Analyse von 2021 mit 11 RCTs (n=567) bestätigte:
- Traumafokussierte Behandlungen (hauptsächlich EMDR) zeigten große Effektstärken bei der Reduktion depressiver Symptome [d = 1.17]. 4
- EMDR war nicht-traumafokussierter CBT überlegen [d = 0.66]. 4
- Follow-up-Daten unterstützten die anhaltende Wirksamkeit [d = 0.71]. 4
Warum keine Stabilisierungsphase erforderlich ist
Die Annahme, dass Patienten mit schwerer Depression zunächst "stabilisiert" werden müssen, wird durch aktuelle Evidenz widerlegt:
- Keine randomisierten kontrollierten Studien belegen, dass Patienten mit komplexen Präsentationen von einer verlängerten Stabilisierung vor Traumabearbeitung profitieren. 2
- Das Verzögern traumafokussierter Behandlung hat potentiell iatrogene Effekte: Es vermittelt Patienten, dass sie unfähig sind, traumatische Erinnerungen zu verarbeiten, was Selbstvertrauen und Motivation reduziert. 2
- Emotionsregulationsstörungen und Affektdysregulation verbessern sich direkt durch Traumabearbeitung, nicht durch separate Stabilisierungsinterventionen. 1, 5, 2
Behandlungsalgorithmus
Sofortmaßnahmen (Woche 1-2)
- Beginn der traumafokussierten Psychotherapie (PE, CPT oder EMDR) innerhalb von 2 Wochen nach Erstkontakt. 2
- Falls Psychotherapie nicht verfügbar oder Patient bevorzugt Medikation: SSRI (Sertralin oder Paroxetin) als First-Line-Pharmakotherapie. 1
Laufende Behandlung (Woche 2-15)
- Wöchentliche traumafokussierte Sitzungen mit progressiver Exposition und kognitiver Umstrukturierung. 2
- Depressive Symptome sollten sich parallel zu PTBS-Symptomen verbessern. 1, 6
- Bei unzureichendem Ansprechen auf Psychotherapie allein: SSRI als adjuvante Behandlung erwägen. 5
Erwartete Outcomes (Woche 8-15)
- Nach 9-15 Therapiesitzungen sollte signifikante Verbesserung der PTBS-Symptomatik erkennbar sein. 1, 5
- Depressive Symptome, funktionale Beeinträchtigung und Emotionsregulation verbessern sich ohne separate Interventionen. 6
Kritische Fallstricke vermeiden
Niemals verzögern aufgrund folgender Fehleinschätzungen:
- "Der Patient ist zu depressiv für Traumatherapie": Diese Annahme entbehrt empirischer Grundlage und kann Patienten schaden, indem sie den Zugang zu wirksamer Behandlung einschränkt. 2
- "Erst die Depression stabilisieren": Depressive Symptome verbessern sich durch Traumabearbeitung selbst; sequentielle Behandlung ist nicht erforderlich. 1, 2
- "Komplexe Patienten brauchen längere Vorbereitung": Die Bezeichnung von Patienten als "zu komplex" für sofortige traumafokussierte Therapie ist nicht evidenzbasiert. 2
Absolute Kontraindikationen für sofortigen Beginn (sehr selten):
- Akute Suizidalität mit unmittelbarer Gefahr 2
- Aktive Substanzabhängigkeit, die Entgiftung erfordert 2
- Akute psychotische Symptome, die Stabilisierung benötigen 2
Medikamentöse Überlegungen
Falls Pharmakotherapie indiziert:
- Sertralin oder Paroxetin als First-Line-SSRI für PTBS und Depression. 1
- Venlafaxin als Second-Line bei SSRI-Unverträglichkeit. 1
- Prazosin (1-13 mg, durchschnittlich 3 mg) spezifisch für PTBS-bedingte Albträume. 1
- Benzodiazepine strikt vermeiden: 63% der Patienten unter Benzodiazepinen entwickelten nach 6 Monaten PTBS versus nur 23% unter Placebo. 1, 5
Bei Medikation: Mindestens 6-12 Monate nach Remission fortführen, da Rückfallraten nach Absetzen hoch sind (26-52%). 1, 2
Stärke der Evidenz
Die Empfehlung für sofortigen Beginn basiert auf:
- Mehreren hochwertigen RCTs für traumafokussierte Psychotherapien 1, 3, 6
- VA/DoD Clinical Practice Guideline 2023 (höchste Leitlinienqualität) 1
- Systematischer Review und Meta-Analyse spezifisch für Depression 4
- Retrospektiver Studie bei komplexer PTBS mit Depression 6
Die Evidenz ist konsistent und robust: Traumafokussierte Psychotherapie ist bei schwerer Depression nicht nur sicher, sondern behandelt beide Störungen gleichzeitig effektiv.