Ospolot-Therapie bei leichter Neutropenie fortsetzen mit engmaschiger Überwachung
Bei einem 6-jährigen Kind mit Ospolot (Sultiam), das nach 4 Wochen einen Granulozytenabfall auf 1,6 G/L zeigt, sollte die Therapie unter wöchentlicher Blutbildkontrolle fortgesetzt werden, da dieser Wert eine milde Neutropenie darstellt und keine unmittelbare Infektionsgefahr besteht.
Einordnung der Neutropenie-Schweregrade
Ein Granulozytenwert von 1,6 × 10⁹/L entspricht einer milden Neutropenie (1,0–1,5 × 10⁹/L nach den meisten Klassifikationen, wobei 1,6 knapp darüber liegt und als grenzwertig mild einzustufen ist). 1
Die kritische Schwelle für sofortiges Handeln liegt bei ANC < 0,5 × 10⁹/L (schwere Neutropenie), wo prophylaktische antimikrobielle Therapie und intensive Überwachung erforderlich sind. 1
Moderate Neutropenie (0,5–1,0 × 10⁹/L) erfordert engere Kontrollen, aber keine routinemäßige antibakterielle Prophylaxe. 1
Spezifisches Vorgehen bei medikamenteninduzierter Neutropenie
Sofortige Maßnahmen
Klinische Beurteilung auf Infektionszeichen: Fieber (≥38,3°C einmalig oder ≥38,0°C über 1 Stunde), Lethargie, Nahrungsverweigerung, Atemprobleme, Hautläsionen oder Mukositis aktiv suchen. 2
Temperaturmessung: Bei Fieber in Kombination mit Neutropenie liegt ein medizinischer Notfall vor, der innerhalb von 2 Stunden empirische Breitspektrum-Antibiotika erfordert. 2, 1
Labordiagnostik: Großes Blutbild mit manuellem Differentialblutbild (nicht nur automatisiert), Retikulozyten, CRP, Leberwerte und Nierenwerte zur Beurteilung der Gesamtsituation. 1
Überwachungsprotokoll
Wöchentliche Blutbildkontrollen für die ersten 4–6 Wochen nach Feststellung der Neutropenie, insbesondere bei Medikamenten, die das Blutbild beeinflussen können. 1
Bei stabilem Verlauf kann das Intervall auf alle 2 Wochen ausgedehnt werden, bis der Wert wieder im Normbereich liegt (>2,0 × 10⁹/L). 1
Tägliche Temperaturmessung durch die Eltern zu Hause und sofortige Vorstellung bei Fieber. 2
Entscheidungsalgorithmus für Ospolot-Fortsetzung
Bei ANC 1,0–1,6 × 10⁹/L (milde Neutropenie):
- Ospolot kann fortgesetzt werden, wenn das Kind fieberfrei und klinisch stabil ist. 1
- Wöchentliche Blutbildkontrollen durchführen. 1
- Keine antimikrobielle Prophylaxe erforderlich. 1
- Eltern über Warnsymptome aufklären (Fieber, Infektzeichen). 2
Bei ANC 0,5–1,0 × 10⁹/L (moderate Neutropenie):
- Ospolot-Dosis um 25–50% reduzieren oder pausieren, abhängig von der Anfallskontrolle. 3
- Blutbildkontrollen alle 3–5 Tage. 1
- Pädiatrisch-hämatologische Konsultation erwägen. 3
Bei ANC < 0,5 × 10⁹/L (schwere Neutropenie):
- Ospolot sofort absetzen. 3, 4
- Tägliche Blutbildkontrollen bis ANC > 0,5 × 10⁹/L. 1
- Bei Fieber: Sofortige stationäre Aufnahme mit empirischer IV-Antibiotikatherapie (Cefepim 50 mg/kg alle 8 Stunden). 2, 1
- Fluorchinolon-Prophylaxe (Levofloxacin) bei erwarteter Neutropenie-Dauer >7 Tage. 1
G-CSF-Einsatz bei medikamenteninduzierter Neutropenie
G-CSF (Filgrastim 5 µg/kg/Tag subkutan) ist bei milden Formen der medikamenteninduzierten Neutropenie nicht routinemäßig indiziert. 1, 3
G-CSF sollte nur bei schwerer Neutropenie (ANC < 0,5 × 10⁹/L) mit dokumentierter Infektion oder bei Patienten mit rezidivierenden schweren Infektionen erwogen werden. 3, 4
Bei pädiatrischen Patienten mit medikamenteninduzierter Neutropenie zeigen Beobachtungsstudien einen möglichen Nutzen von G-CSF bei Infektionen oder schwerer Neutropenie, aber die Datenlage bleibt begrenzt. 3
Wichtige Fallstricke vermeiden
Nicht abwarten bis zur schweren Neutropenie – bei fallendem Trend trotz milder Werte engmaschigere Kontrollen einleiten. 1
Keine prophylaktischen Antibiotika bei milden Neutropenie-Werten ohne Fieber geben, da dies Resistenzen fördert ohne klinischen Nutzen. 1
Nicht das manuelle Differentialblutbild vergessen – automatisierte Zählungen können Linksverschiebungen, dysplastische Zellen oder atypische Morphologien übersehen. 1
Eltern nicht unzureichend aufklären – sie müssen die Definition von Fieber kennen (≥38,3°C einmalig oder ≥38,0°C über 1 Stunde) und wissen, dass dies einen sofortigen Arztbesuch erfordert. 2, 1
Keine asymptomatische Bakteriurie behandeln – Urinkultur nur bei Symptomen abnehmen. 1