Funktionelle Gallenblasenerkrankungen als Ursache für Wirbelsäulensegment-Störungen T8-10
Funktionelle Gallenblasenerkrankungen – sowohl Hypokinese (verminderte Kontraktilität) als auch Hyperkinese (übermäßige Kontraktilität) – können viszeralen Schmerz verursachen, der über viszerosomatische Reflexbögen zu den thorakalen Segmenten T8-10 ausstrahlt und dort segmentale Dysfunktionen hervorrufen kann. 1
Pathophysiologische Mechanismen
Die Gallenblase wird über viszerale afferente Nervenfasern innerviert, die über das Ganglion coeliacum zu den thorakalen Rückenmarkssegmenten T8-10 projizieren. 1 Bei funktionellen Störungen entstehen folgende Mechanismen:
Hypokinetische Gallenblasenerkrankung (Biliary Dyskinesia)
- Verminderte Gallenblasenentleerung (Ejektionsfraktion <38-40%) führt zu erhöhtem intraluminalem Druck und viszeralem Schmerz, der zu den Wirbelsäulensegmenten T8-10 ausstrahlt. 2
- Die Pathogenese umfasst primäre Hypomotilität der Gallenblasenwand oder funktionelle Obstruktion distal der Gallenblase. 1
- Schmerz entsteht durch abnorme Kontraktionsmuster bei struktureller oder funktioneller Abflussbehinderung. 1
Hyperkinetische Gallenblasenerkrankung (Biliary Hyperkinesia)
- Übermäßige Gallenblasenkontraktion (Ejektionsfraktion ≥80-81%) verursacht viszeralen Schmerz durch exzessive Kontraktilität. 3, 4
- Diese seltene Entität wird häufig übersehen, kann aber bei Patienten mit normaler Bildgebung und typischen biliären Symptomen vorliegen. 5, 4
- Eine Ejektionsfraktion >81% ist signifikant mit Schmerzauflösung nach Cholezystektomie assoziiert (78,2% Erfolgsrate). 4
Klinische Präsentation mit segmentaler Beteiligung
Typische Symptomkonstellation:
- Rechtsseitige Oberbauchschmerzen oder epigastrische Schmerzen, die mindestens 30 Minuten andauern und in wiederkehrenden Episoden auftreten (nicht täglich). 2
- Ausstrahlung in den Rücken und/oder rechten Skapularbereich – dies reflektiert die segmentale Projektion zu T8-10. 2
- Verschlechterung nach fettreichen Mahlzeiten, da diese die Cholecystokinin-Freisetzung und Gallenblasenkontraktion stimulieren. 1
- Begleitende Übelkeit, Erbrechen und Völlegefühl. 2
- Schmerz kann den Patienten aus dem Schlaf wecken. 2
Diagnostisches Vorgehen nach Rome-III-Kriterien
Obligatorische Voraussetzungen vor CCK-Cholescintigraphie:
- Transabdominaler Ultraschall zum Ausschluss von Gallensteinen (96% Genauigkeit). 2
- Vollständiges Leberfunktionspanel (AST, ALT, AP, Bilirubin, GGT) und Pankreas-Enzyme (Amylase, Lipase) müssen normal sein. 2
- Obere Endoskopie zum Ausschluss peptischer Ulzera und gastroduodenaler Läsionen. 2
CCK-Cholescintigraphie-Protokoll:
- Sincalide-Dosis: 0,02 µg/kg über 60 Minuten kontinuierlich infundiert. 2
- Patient darf nicht in akuter Schmerzphase oder hospitalisiert sein. 2
- Normale Ejektionsfraktion: ≥38%. 2
- Hypokinese: <38-40%. 2
- Hyperkinese: ≥80-81%. 3, 4
Wichtige Störfaktoren und Kontraindikationen
Medikamente, die vor der Testung abgesetzt werden müssen:
- Opioid-Analgetika, Kalziumkanalblocker, orale Kontrazeptiva, H₂-Blocker und Benzodiazepine beeinträchtigen die Gallenblasenkontraktion und führen zu falsch-positiven Ergebnissen. 2, 3
Erkrankungen mit abnormer Ejektionsfraktion ohne echte Gallenblasenerkrankung:
- Diabetes mellitus, Zöliakie, Reizdarmsyndrom können abnorme Ejektionsfraktionen ohne funktionelle Gallenblasenerkrankung verursachen. 2, 3
Therapeutische Konsequenzen
Bei abnormer Ejektionsfraktion (<38% oder >81%) und Erfüllung der Rome-III-Kriterien:
- Laparoskopische Cholezystektomie ist die Therapie der ersten Wahl mit Erfolgsraten >90% bei korrekter Patientenselektion. 2
- Bei Hyperkinese zeigt sich eine Schmerzauflösung in 78,2% der Fälle mit Ejektionsfraktion >81%. 4
- Chronische Cholezystitis findet sich in 61,7% der Fälle in der finalen Pathologie. 4
Bei normaler oder grenzwertiger Ejektionsfraktion:
- Alternative Diagnosen müssen verfolgt werden: Sphincter-Oddi-Dysfunktion, peptische Ulkuskrankheit, funktionelle Dyspepsie. 2, 6
Häufige Fallstricke
- Testung bei atypischen Symptomen erhöht die Falsch-Positiv-Rate und führt zu unnötigen Cholezystektomien. 2
- Schmerzprovokation während CCK-Infusion hat keinen bewiesenen diagnostischen Wert und sollte Behandlungsentscheidungen nicht beeinflussen. 2
- Die Pathophysiologie funktioneller biliärer Schmerzen bleibt unvollständig verstanden, und es fehlen große randomisierte kontrollierte Studien. 2
Viszerosomatische Reflexbögen und segmentale Dysfunktion
Der viszerale Schmerz von der Gallenblase wird über sympathische afferente Fasern zu den thorakalen Hinterwurzeln T8-10 geleitet, wo Konvergenz mit somatischen Afferenzen stattfindet. Dies erklärt:
- Referred pain im rechten Oberbauch und Rücken. 2
- Segmentale Dysfunktionen durch anhaltende nozizeptive Afferenz, die zu muskulärer Hypertonus, Triggerpunkten und eingeschränkter Segmentmobilität in T8-10 führen kann. 1
- Viszerosomatische Reflexe, die eine funktionelle Kopplung zwischen Gallenblasenerkrankung und thorakaler Wirbelsäulensegment-Störung herstellen. 1