Funktionen von Steroiden: Strukturell und Emotional
Strukturelle (Statische) Funktionen
Steroide wirken als genomische Regulatoren, die durch Bindung an intrazelluläre Rezeptoren die Genexpression direkt steuern und dadurch permanente strukturelle Veränderungen in Zielgeweben bewirken. 1
Molekularer Mechanismus der strukturellen Wirkung
- Steroidhormone sind lipophile Moleküle, die aus Cholesterin synthetisiert werden und aufgrund ihrer Lipophilie die Zellmembran durch einfache Diffusion passieren 1
- Nach Eintritt in die Zielzelle binden Steroide an Steroidhormonrezeptoren (SHRs), die als intrazelluläre Transkriptionsfaktoren fungieren 1, 2
- Die Steroid-Rezeptor-Komplexe binden an spezifische DNA-Sequenzen (Hormon-Response-Elemente/HREs) in der Nähe von Zielgenen und initiieren Chromatin-Remodellierung 1, 3
- Diese genomische Regulation führt zu dauerhaften Veränderungen der Gentranskription und Proteinexpression 3
Organisatorische Effekte auf das Gehirn
- Pränatale und früh postnatale Sexualhormone organisieren neuronale Schaltkreise durch irreversible strukturelle und funktionelle Veränderungen während kritischer Entwicklungsperioden 4
- Beim Menschen existieren zwei kritische Zeitfenster für die permanente Maskulinisierung des Nervensystems: Schwangerschaftswochen 8-24 und Lebensmonate 1-6 4
- Testosteron wird im Gehirn durch das Enzym Aromatase zu Estradiol umgewandelt, das dann an Östrogenrezeptoren bindet und die maskuline neuronale Differenzierung fördert 5, 4
- Der sexuell dimorphe Nucleus der präoptischen Area (SDN-POA) wird bei Männern mehrfach größer als bei Frauen und enthält die höchste Konzentration von Östrogenrezeptoren im Gehirn 4
Strukturelle Effekte auf andere Organsysteme
- Steroide regulieren Wachstum und Entwicklung in bestimmten Zelltypen und sind an einer Vielzahl physiologischer Reaktionen in den meisten Geweben beteiligt 2, 3
- Im Herz-Kreislauf-System stimulieren Vitamin-D-Hormone (als Steroidhormon) die Proliferation glatter Muskelzellen und induzieren die Expression von Fibroblasten-Wachstumsfaktor-23 5
Emotionale (Dynamische) Funktionen
Neuroaktive Steroide modulieren innerhalb von Sekunden die neuronale Aktivität durch nicht-genomische Membraneffekte, insbesondere über GABA-A-Rezeptoren, was zu anxiolytischen, antikonvulsiven und sedativ-hypnotischen Wirkungen führt. 6
Schnelle Membraneffekte
- Bestimmte Steroide zeigen spezifische Plasmamembraneffekte, die zu einer schnellen (<1 Minute) Modulation der zellulären Aktivität führen 6
- Der Hauptmechanismus erfolgt über rezeptorvermittelte Bindung an Liganden-gesteuerte Ionenkanäle 6
- Die Aktivierung des GABA-A-Rezeptorkomplexes führt zur Öffnung des zentralen Chloridkanals, was zur Repolarisation der Plasmamembran und Hemmung weiterer neuronaler Aktivität führt 6
Stressregulation und emotionale Reaktionen
- Progesteron, Deoxycorticosteron und einige Androgene (insbesondere DHEA) zeigen erhöhte Konzentrationen sowohl im Blut als auch im Gehirn nach Stress 6
- Diese Verbindungen sind mit anxiolytischen Effekten und antiepileptischer Aktivität assoziiert 6
- Glukokortikoide (Cortisol und Cortison) regulieren die Stressantwort, Energieregulation und haben entzündungshemmende sowie immunsuppressive Effekte 5
Verhaltensmodulation
- Steroide beeinflussen wesentlich Gehirnentwicklung, Reproduktion, sexuelle Differenzierung, Kognition, Gedächtnis und Verhalten 2
- Die organisatorischen Effekte schaffen zwei unterschiedliche Prozesse: Maskulinisierung (entwickelt männlich-typische Verhaltensweisen) und Defeminisierung (unterdrückt weiblich-typische Verhaltensweisen) 4
- Östrogen moduliert die Produktion endothel-abgeleiteter Faktoren, was teilweise geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wirksamkeit kardiovaskulärer Therapien erklärt 5
Wichtige klinische Überlegungen
Permanenz der Effekte
- Im Gegensatz zu aktivierenden Hormoneffekten sind organisatorische Effekte permanent und können nicht durch nachfolgende Hormonmanipulation oder soziale Intervention rückgängig gemacht werden 4
- Interventionen nach 4-6 Lebensmonaten können die etablierte neuronale Organisation nicht mehr umkehren 4