Östrogen-Überschuss beim Mann: Klinische Manifestationen
Östrogen-Überschuss beim Mann manifestiert sich primär durch Gynäkomastie, Hodenatrophie, erektile Dysfunktion und Oligospermie – nicht durch Gewichtszunahme oder allgemeine systemische Symptome. 1, 2, 3
Hauptsymptome des Hyperöstrogenismus
Brustveränderungen (häufigstes Symptom)
- Gynäkomastie ist das Leitsymptom und präsentiert sich als weiche, gummiartige oder feste mobile Masse direkt unter der Brustwarze, oft schmerzhaft besonders in den ersten 6 Monaten 2
- Bilateral in etwa 50% der Fälle 2
- Bei familiärem Hyperöstrogenismus: präpubertäre Gynäkomastie und Makromastie 4
Reproduktive und sexuelle Symptome
- Hodenatrophie (Verkleinerung der Hoden) durch Suppression der Gonadotropine 5, 1, 3
- Erektile Dysfunktion – niedriges Testosteron und erhöhtes Östrogen erhöhen unabhängig voneinander die Inzidenz 6
- Oligospermie (verminderte Spermienproduktion) 3
- Hypogonadismus mit verminderter Virilisierung 4
Körperliche Veränderungen
- Kleinwuchs bei präpubertärem Beginn durch vorzeitigen Epiphysenschluss 4
- Veränderungen der Körperzusammensetzung: 3,0-5,0% Abnahme der Magermasse mit entsprechender Zunahme des Körperfetts, aber minimale Gesamtgewichtsveränderungen 1
- Flüssigkeitsretention mit Blähgefühl, nicht substantielle Gewichtszunahme 1
- Feminisierte Fettverteilung 1
Seltene Symptome bei schwerem Hyperöstrogenismus
- Stimmvertiefung (paradoxerweise bei androgen-sezernierenden Tumoren mit sekundärem Östrogenüberschuss) 5
- Erhöhtes SHBG (Sexualhormon-bindendes Globulin) durch hepatische Stimulation 1
Wichtige klinische Kontexte
Zugrunde liegende Ursachen
- Chronische Lebererkrankung: veränderte Östrogen-Metabolisierung und portosystemische Shunts führen zu erhöhten Östrogenspiegeln 1
- Familiärer Hyperöstrogenismus: genetische Störung mit exzessiver Androgen-zu-Östrogen-Konversion, primär durch CYP19-Abnormalitäten 4
- Iatrogen: GnRH-Agonisten (Leuprolid, Goserelin) supprimieren testikuläres Testosteron und schaffen östrogen-dominantes Milieu 2
- Exogene Östrogene: Diethylstilbestrol (DES), Digoxin, Phytoöstrogene 2
Diagnostischer Algorithmus
- Serum-Östradiol messen bei allen Männern mit Gynäkomastie, besonders vor Testosterontherapie 2
- Obligatorische endokrinologische Überweisung bei erhöhten Baseline-Östradiol-Werten 2
- Zusätzliche Hormonmessungen: Gesamt- und freies Testosteron (LC-MS/MS), LH, FSH, Prolaktin 2
- Bei Lebererkrankung: Behandlung der hepatischen Grunderkrankung, nicht direkte Östrogen-Therapie 1
Wichtige Fallstricke
Was Östrogen-Überschuss NICHT verursacht
- Keine substantielle Gewichtszunahme – Studien zeigen minimale Gesamtgewichtsveränderungen trotz Körperzusammensetzungsverschiebungen 1
- Keine verminderte Libido – interessanterweise zeigten Daten von 34.016 Männern, dass hohe Östradiolspiegel nicht mit höheren Raten niedriger Libido assoziiert waren; normale oder niedrigere Östradiolspiegel hatten statistisch signifikant höhere dokumentierte niedrige Libido-Raten 7
Kontroverse Befunde
- Natürlich vorkommende Östrogen-Erhöhungen scheinen keine Ursache für niedrige Testosteronwerte zu sein 8
- Bei Testosteronersatztherapie können Östrogene ansteigen, aber aktuelle Evidenz unterstützt keine Behandlung erhöhter Östrogenspiegel hinsichtlich männlicher Sexualität 8
- Östrogene können helfen, einige (aber nicht alle) sexuelle Funktionen bei kastrierten Männern aufrechtzuerhalten 8
Therapeutische Überlegungen
Bei Gynäkomastie unter Antiandrogen-Therapie
- Präventive Brustbestrahlung (8-15 Gy in 1-3 Fraktionen, 1-2 Wochen vor Therapiebeginn) reduziert schmerzhafte Gynäkomastie markant 2
Bei familiärem Hyperöstrogenismus
- Topisches Dihydrotestosteron bei Männern fördert adäquate Virilisierung 4
- Aromatasehemmer (z.B. Anastrozol) bei beiden Geschlechtern – normalisiert Menstruationszyklen bei Frauen 4