Veränderung der Gallenkonsistenz durch Sexualhormone
Östrogene und Gestagene erhöhen die Lithogenität (Steinbildungsneigung) der Galle, wobei ein Überschuss dieser Hormone – nicht ein Mangel – die Gallenflüssigkeit cholesterinreicher und damit visköser macht. 1, 2, 3
Mechanismus der hormonellen Wirkung auf die Galle
Die weiblichen Sexualhormone verändern die Gallenzusammensetzung durch mehrere Mechanismen:
- Östrogene erhöhen die absolute Cholesterinkonzentration in der Galle, was die Lithogenität deutlich steigert 2
- Östrogene fördern die Cholesterinnukleation aus cholesterinreichen Phospholipidvesikeln in der Galle, indem sie mit cholesterinreichen "Lipid Rafts" interagieren 4
- Gestagene (insbesondere Norgestrel) erhöhen den Cholesterinsättigungsindex der Galle, während Östradiol allein diesen Effekt nicht zeigt 3
- Die Gallensäuresynthese wird bei erhöhten Hormonspiegeln reduziert, während die Retention konjugierter Gallensäuren im Blut zunimmt 5
Klinische Evidenz: Überschuss führt zu Veränderungen
Hormonüberschuss, nicht Mangel, ist das Problem:
- Orale Kontrazeptiva (30 µg Ethinylestradiol plus 150 µg Norgestrel) erhöhen signifikant den Cholesterinsättigungsindex der Galle (p = 0,01) 3
- Höhere Dosierungen (50 µg Ethinylestradiol plus 250 µg Norgestrel) zeigen noch stärkere Effekte (p < 0,01) 3
- Chronische Anwendung von Kontrazeptiva oder Hormonersatztherapie über mindestens zwei Jahre erhöht die Gallenlithogenität 6
- Die intrahepatische Schwangerschaftscholestase (ICP) – ein Zustand mit massiv erhöhten Hormonspiegeln – zeigt abnorme Gallensäure- und Progesteronmetabolitenprofile 5
Geschlechtsspezifische Unterschiede
- Weibliche Galle zeigt höhere Cholesterinnukleationsraten als männliche Galle, was die 2-3-fach höhere Gallensteinprävalenz bei Frauen erklärt 4
- Postmenopausale Frauen ohne Hormonersatztherapie haben niedrigere Gallensäurekonzentrationen im Serum, während HRT diese wieder erhöht 6
Spezifische hormonelle Effekte
Östrogene:
- Erhöhen die Cholesterinkonzentration in der Galle markant 2
- Fördern die Cholesterinnukleation durch Interaktion mit Lipid Rafts 4
- Werden in der Leber metabolisiert, was bei chronischen Lebererkrankungen problematisch sein kann 1
Gestagene:
- Norgestrel (nicht Östradiol) ist hauptverantwortlich für den erhöhten Cholesterinsättigungsindex bei oralen Kontrazeptiva 3
- Progesteronmetaboliten werden bei ICP vermehrt sulfatiert und zeigen veränderte Ausscheidungsmuster 5
- Der Effekt ist weniger ausgeprägt als bei Östrogenen, aber dennoch signifikant 2
Klinische Implikationen und Warnhinweise
Wichtige Fallstricke:
- Die EASL-Leitlinien warnen, dass bei zunehmender Pruritus-Schwere während der Schwangerschaft eine biliäre Obstruktion durch Steine ausgeschlossen werden sollte 1
- Orale Kontrazeptiva können bei Patientinnen mit nicht-fortgeschrittener PSC sicher verwendet werden, erfordern aber regelmäßige Überwachung der Leberwerte (z.B. alle 6 Monate) 1
- Bei fortgeschrittener Zirrhose (Child B und C) sollten kombinierte hormonelle Kontrazeptiva vermieden werden 1
- Das Risiko für Cholezystitis ist bei HRT-Anwenderinnen erhöht (RR 1,8 für aktuelle Anwenderinnen; RR 2,5 für Langzeitanwenderinnen >5 Jahre) 1
Praktische Konsequenzen
- Transdermal verabreichtes Östrogen hat ein günstigeres Sicherheitsprofil als orale Präparate bezüglich venöser Thromboembolien und möglicherweise auch bezüglich hepatischer Effekte 1
- Bei Patientinnen mit Lebererkrankungen sollte die Hormontherapie sorgfältig abgewogen werden, da Östrogene hepatisch metabolisiert werden 1
- Ursodeoxycholsäure (UDCA) kann bei ICP die Gallensäurekonzentration im Blut senken und die Symptome verbessern 5