Detaillierte Beschreibung der Schultertests
Die folgenden klinischen Tests dienen der Beurteilung spezifischer Rotatorenmanschettenläsionen, wobei jeder Test unterschiedliche biomechanische Sensitivität und diagnostische Genauigkeit aufweist.
Tests für die Supraspinatus-Sehne
Jobe-Test (Empty-Can-Test)
- Ausführung: Der Arm wird in 90° Abduktion, voller Innenrotation und 30° Vorwärtsflexion positioniert (Daumen zeigt nach unten, als würde man eine Dose ausleeren). Der Patient hält diese Position gegen Widerstand 1.
- Interpretation: Muskelschwäche ist der zuverlässigste Indikator für eine Supraspinatussehnenruptur (75% Genauigkeit) 2. Schmerz allein ist weniger spezifisch 2.
- Wichtige Einschränkung: Der Test isoliert den Supraspinatus nicht selektiv - es zeigt sich auch Aktivität im Infraspinatus und mittleren Deltamuskel 3. Die biomechanische Sensitivität für superiore Rotatorenmanschettenrupturen ist gering 4.
Full-Can-Test
- Ausführung: Identisch zum Jobe-Test, jedoch mit dem Arm in Außenrotation (Daumen zeigt nach oben, als würde man eine volle Dose halten) 2.
- Interpretation: Muskelschwäche zeigt eine Supraspinatusläsion mit 75% Genauigkeit an 2.
- Vorteil: Provoziert signifikant weniger Schmerzen als der Empty-Can-Test (43% vs. 50% Schmerzprovokation), daher klinisch vorteilhafter 2. Die diagnostische Genauigkeit ist jedoch äquivalent zum Jobe-Test 2.
Tests für die Infraspinatus- und Teres-minor-Sehnen
External Rotation Lag Sign (ERLS)
- Ausführung: Der Untersucher positioniert den Arm des Patienten in 20° Abduktion und maximaler Außenrotation bei 90° Ellenbogenflexion. Der Patient wird aufgefordert, diese Position aktiv zu halten, nachdem der Untersucher loslässt 5.
- Interpretation: Ein positiver Test liegt vor, wenn der Arm in Innenrotation zurückfällt (Lag). Die Größe des Lags korreliert mit der Rupturgröße 5.
- Diagnostische Werte: Weniger sensitiv als der Jobe-Test, aber spezifischer für Supraspinatus- und Infraspinatus-Läsionen 5. Partielle Supraspinatusrupturen bleiben dem ERLS verborgen 5.
Hornblower-Zeichen
- Ausführung: Der Arm wird in 90° Abduktion in der Skapulaebene positioniert. Der Patient wird aufgefordert, den Unterarm aktiv nach außen zu rotieren (wie beim Halten eines Horns zum Mund) 6.
- Interpretation: Ein positives Zeichen liegt vor, wenn der Unterarm in Innenrotation fällt und der Patient keine aktive Außenrotation in Elevation durchführen kann 6.
- Biomechanische Überlegenheit: Die Teres-minor-Aktivität ist im Hornblower-Test dreifach höher als im Infraspinatus-Test, mit 81,3% Aktivitätssteigerung bei posterosuperior Rupturen 4. Der Hornblower-Test ist biomechanisch am effektivsten zur Beurteilung der Teres-minor-Integrität bei posterosuperior Rotatorenmanschettenrupturen 4.
Tests für die Subscapularis-Sehne
Lift-Off-Test (Gerber-Test)
- Ausführung: Die Hand des Patienten wird auf dem unteren Rücken platziert (Handrücken gegen die Lendenwirbelsäule). Der Patient wird aufgefordert, die Hand aktiv vom Rücken wegzuheben 5.
- Interpretation: Unfähigkeit, die Hand vom Rücken zu heben, deutet auf eine Subscapularisläsion hin 5.
- Biomechanische Überlegenheit: Der Lift-Off-Test zeigt signifikant höhere Subscapularis-Aktivität als der Bear-Hug-Test (P < 0,001) und ist biomechanisch sensitiver für die Detektion von Subscapularisrupturen 4.
- Einschränkung: Kann bei eingeschränkter Innenrotation nicht durchgeführt werden. Partielle Subscapularisrupturen können übersehen werden 5.
Belly-Press-Test
- Ausführung: Der Patient drückt die Handfläche gegen den Bauch und versucht, den Ellenbogen nach vorne zu bringen, ohne das Handgelenk zu beugen 7.
- Interpretation: Unfähigkeit, den Ellenbogen vor die Körperebene zu bringen, oder Kompensation durch Handgelenksflexion deutet auf Subscapularisschwäche hin 7.
- Diagnostische Werte: Gepoolte Spezifität >0,90, aber Sensitivität <0,60 7.
Internal Rotation Lag Sign (IRLS)
- Ausführung: Der Untersucher positioniert den Arm des Patienten in maximaler Innenrotation hinter dem Rücken bei 90° Ellenbogenflexion. Der Patient wird aufgefordert, diese Position aktiv zu halten 5.
- Interpretation: Ein positiver Test liegt vor, wenn die Hand vom Rücken wegfällt (Lag). Die Größe des Lags korreliert mit der Rupturgröße 5.
- Vorteil gegenüber Lift-Off: Gleich spezifisch, aber sensitiver als der Lift-Off-Test 5. Der IRLS kann partielle Subscapularisrupturen detektieren, die vom Lift-Off-Test übersehen werden 5.
- Einschränkung: Niedrigste gepoolte Sensitivität von 0,32 (95% CI, 0,13-0,61) unter allen Subscapularis-Tests 7.
Klinische Anwendungsempfehlungen
Kein einzelner klinischer Test ist ausreichend zuverlässig, um Rotatorenmanschettenrupturen definitiv zu diagnostizieren 7. Die Tests sollten kombiniert werden:
- Für Supraspinatus: Bevorzugen Sie den Full-Can-Test wegen geringerer Schmerzprovokation; interpretieren Sie Muskelschwäche als Hauptkriterium 2.
- Für Infraspinatus/Teres minor: Der Hornblower-Test ist biomechanisch am effektivsten 4.
- Für Subscapularis: Der Lift-Off-Test ist biomechanisch am sensitivsten 4, aber der IRLS detektiert partielle Rupturen besser 5.
Alle Subscapularis-Tests haben hohe Spezifität (>0,90) aber niedrige Sensitivität (<0,60), weshalb bei klinischem Verdacht trotz negativer Tests eine Bildgebung indiziert ist 7.