Empfehlungen für Kind mit ALL in Dauertherapie und Bruder als Meningokokken-Nonresponder
Das Kind mit ALL in Dauertherapie benötigt PCP-Prophylaxe während der gesamten antileukämischen Therapie, jährliche Influenza-Impfung und sollte nach Therapieende systematisch revakziniert werden; der Bruder im Kindergarten muss erneut gegen Meningokokken geimpft werden und sollte keine Lebendimpfstoffe erhalten, solange das Geschwisterkind immunsupprimiert ist.
Für das Kind mit ALL in Dauertherapie
Infektionsprophylaxe (Priorität)
- PCP-Prophylaxe ist obligatorisch: TMP/SMX während der gesamten antileukämischen Therapie einschließlich Dauertherapie (Kategorie 1) 1
- TMP/SMX reduziert PCP-Inzidenz um 91% und PCP-bedingte Mortalität um 83%
- Bei Unverträglichkeit: Atovaquon, Dapsone oder Pentamidine als Alternativen
- Zusätzlicher Vorteil: Schutz gegen bakterielle Infektionen, Listeriose, Nocardiose und Toxoplasmose
Impfungen während der Dauertherapie
Jährliche Influenza-Impfung (inaktiviert) ist dringend empfohlen 2
- Influenza erhöht Morbidität und Mortalität bei Leukämiepatienten signifikant
- Zwei Dosen können immunogener sein als eine bei Kindern mit ALL
- Wichtig: Nur inaktivierte Impfstoffe, keine Lebendimpfstoffe während Chemotherapie
Pneumokokken-Impfung sollte erwogen werden, obwohl die Immunantwort während Therapie eingeschränkt ist 2
- Kinder mit ALL haben ein 190-360-fach erhöhtes Risiko für invasive Pneumokokkenerkrankungen 3
- Sequenz: PCV13 zuerst, dann PPSV23 nach 8-12 Wochen
Kritische Kontraindikationen
- Keine Lebendimpfstoffe während der Chemotherapie (Kategorie D) 2
- Dazu gehören: MMR, Varizellen, Rotavirus, Lebend-Influenza-Impfstoff
- Potenzial für Impfstoff-induzierte Erkrankung bei Immunsuppression
Revakzinierung nach Therapieende
Nach Abschluss der Chemotherapie verlieren die meisten Kinder ihren Impfschutz 4, 5, 6:
- Nur 37-50% sind gegen Tetanus, Diphtherie, Polio 3, Hib und Mumps geschützt
- Nur 24,5-75% gegen Varizellen geschützt
- Nur 5-38% gegen Pneumokokken geschützt
- Nur 12% gegen Meningokokken geschützt 4
Systematische Revakzinierung 3-6 Monate nach Therapieende 2, 6:
- DTP-Booster (Immunantwort vergleichbar mit gesunden Kindern in Erhaltungstherapie)
- Polio-Serie
- MMR (nach Immunrekonstitution)
- Varizellen (nach Immunrekonstitution)
- Pneumokokken (PCV13 + PPSV23)
- Meningokokken-Revakzinierung (besonders wichtig bei Geschwisterkind im Kindergarten)
- Hib-Auffrischung
Die Booster-Impfungen führen zu >90% Schutzraten bei TT, DT, Polio 1, Hib, Masern und Röteln 6
Für den Bruder im Kindergarten (Meningokokken-Nonresponder)
Meningokokken-Revakzinierung
Der Bruder muss erneut gegen Meningokokken geimpft werden, da:
- Er als Nonresponder keinen Schutz hat
- Das immunsupprimierte Geschwisterkind ein hohes Risiko für invasive Meningokokkenerkrankungen trägt
- Enger Haushaltskontakt ein Übertragungsrisiko darstellt
Strategie:
- Serologische Kontrolle 4-6 Wochen nach erneuter Impfung
- Bei erneutem Nonresponse: Weitere Impfdosis erwägen
- Konjugierte Meningokokken-Impfstoffe (MenACWY oder MenB) je nach Serotyp verwenden
Kritische Einschränkungen für den Bruder
Keine Lebendimpfstoffe, solange das Geschwisterkind immunsupprimiert ist 2:
- Rotavirus-Impfung ist streng kontraindiziert bei Familienmitgliedern von Krebspatienten (Kategorie D)
- MMR und Varizellen können gegeben werden, aber Vorsicht bei Kontakt zum immunsupprimierten Geschwisterkind
- Bei Varizellen-Impfung: Kontakt vermeiden, falls Impfausschlag auftritt
Weitere Impfungen für den Bruder
- Jährliche Influenza-Impfung (inaktiviert) zum Schutz des immunsupprimierten Geschwisters
- Pneumokokken-Impfung aktualisieren
- Alle Standard-Impfungen gemäß STIKO-Empfehlungen vervollständigen
Praktische Hinweise
Häufige Fallstricke
- Unterschätzung des Infektionsrisikos in der Dauertherapie: Auch wenn die Intensität geringer ist als in Induktion/Konsolidierung, besteht weiterhin signifikante Immunsuppression
- Vergessen der Haushaltskontakte: Familienmitglieder sind oft nicht ausreichend geimpft (nur 21% der Eltern haben aktuellen Impfstatus) 6
- Zu frühe Lebendimpfungen: Immunrekonstitution dauert Monate nach Therapieende
- Fehlende systematische Revakzinierung: Nur 52,9% der ALL-Patienten sind nach Therapie mit ihrem Impfplan aktuell 6
Timing-Empfehlungen
- Während Dauertherapie: Nur inaktivierte Impfstoffe (Influenza, Pneumokokken)
- 3-6 Monate nach Therapieende: Beginn systematischer Revakzinierung mit inaktivierten Impfstoffen
- 6-12 Monate nach Therapieende: Lebendimpfstoffe (MMR, Varizellen) nach Bestätigung der Immunrekonstitution
Monitoring
- Serologische Kontrollen nach Revakzinierung empfohlen, besonders bei kritischen Impfungen (Meningokokken, Pneumokokken)
- Bei unzureichender Antwort: Zusätzliche Impfdosen erwägen
- Regelmäßige Überprüfung des Impfstatus aller Haushaltsmitglieder